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Das Baby ist da. Sie geniessen, wie es sich gehört, diese ekstatische und symbiotische Lebensphase. Nach dieser euphorischen Zeit zu Dritt stellt sich mitunter eine Routine ein. Daran ist ja auch nichts auszusetzen. Aber mit der Zeit kann Ihre Partnerschaft darunter leiden. Wie kann man den Zauber erhalten, damit die Flamme zurückkommt?

Ihr Baby ist das Schönste, was Ihnen im Leben passiert ist. Zwar hat das kleine Wesen den Sockel gefestigt, auf dem Ihre Partnerschaft steht, aber es hat zugleich auch eine ganze Reihe an Koordinaten verschoben. Sie verwandeln sich von zwei glamourösen Personen in eine Art Trabanten-Duo, das in einem Raum-Zeit-Wirbel um Ihr Baby kreist. Vorsicht vor dem Alltagstrott, der in einem eintönigen Tagesablauf auf Sie lauert. Allmählich schleicht sich die Gewohnheit ein und ehe Sie sich’s versehen, können sich diese kleinen Dinge wie Zärtlichkeit, Sexleben, kleine Aufmerksamkeiten – die der Nährboden für eine Partnerschaft sind – zwischen Windeln und Babygeschrei in Luft auflösen…

Was ist da los?

Nichts oder fast nichts. Es ist nicht Ihr Fehler und auch nicht der Fehler Ihrer Partners bzw. Ihrer Partnerin. Unruhige Nächte, Müdigkeit und Libidomangel sind Gift für das Liebesleben. Doktor Christian Rollini, Paartherapeut, der sich auf Sexologie spezialisiert hat, erklärt: «Die ersten Jahre nach der Geburt sind aus verschiedenen Gründen die schwierigsten. Das persönliche Gleichgewicht und das Paargleichgewicht geraten in Unordnung und es ist illusorisch zu erwarten, dass man wie früher funktionieren kann. Häufig sind Mütter traurig und enttäuscht und leiden unter ihrer verminderten Libido, da sie nicht auf die möglichen physiologischen Folgen von Schwangerschaft, Geburt und Stillen vorbereitet sind (zum Beispiel Absinken des Östrogenspiegels, Anmerk. der Redaktion) und ebenso wenig auf die Folgen für die Intimität des Paares.» Der Paartherapeut führt weiter aus, dass diese vorübergehende Lustlosigkeit in den ersten 6 bis 12 Monaten nach der Geburt eher der Normalfall ist, besonders aufgrund der schlafmangelbedingten Erschöpfung. Allerdings darf man nicht glauben, dass der Partner die Situation in der gleichen Weise durchlebt. Hier muss die Bedeutung der Kommunikation betont werden, die eine Beziehung nährt und stützt.

Die Bedürfnisse des anderen im Auge behalten

Sobald das Baby da ist, mehren sich die Streitgründe, wie diese karikaturhaften, aber authentischen Beispiele zeigen: einem Papa dauert das Stillen ein bisschen zu lange, eine Mama findet, dass Papa das Windelnwechseln nicht richtig beherrscht und die lieben Schwiergeltern mischen sich auch noch ein. Verärgerung und Verbitterung machen sich breit und löschen alle Gründe aus, warum Sie sich in Ihren Partner verliebt haben. Es ist höchste Zeit, sich diese schönen Momente zu Zweit zurückzuholen. Es geht nicht darum, den anderen mit Vorwürfen zu überhäufen oder sich selbst zu geisseln. Versuchen Sie einfach, aufeinander zuzugehen und einen Mittelweg zu finden, der beide zufriedenstellt. Soweit zum Verstandesteil. Mir nichts, dir nichts haben Sie die neuen Rollen, die mit dem Baby auf Sie zukommen, langsam aber sicher in die komfortable Elternrolle schlüpfen lassen. Im kollektiven Unterbewusstsein sind Eltern mehr oder wenig asexuelle Wesen. Doch nur, weil Sie Vater oder Mutter geworden sind, haben Sie noch lange nicht Ihre fleischlichen Gelüste abgelegt. Diese können sich allerdings unter einem Berg aus Unsicherheiten verstecken: Wie soll man sich denn noch begehrenswert finden, wenn man sich aufgrund überflüssiger Schwangerschaftskilos völlig unattraktiv fühlt? Hier liegt es am Mann, seine Frau davon zu überzeugen, dass er ihr neues «Gewand» zu schätzen weiss und dass er sie mit ihrem üppigen Busen, ihrem kurvenreichen Körper und ihrem gewölbten Bauch sehr erotisch findet. Dieser Bauch hat schliesslich die Frucht ihrer Liebe in sich getragen.

Im Gespräch bleiben, um Tabus zu brechen

Mitunter tut sich auch der Vater damit schwer, seine Rolle als Verführer seiner Frau, der Mutter seines Kinder, wiederzufinden, in der er jetzt eine Madonna erblickt. Diese widersprüchlichen und zwiespältigen Gefühle sind für das Paar recht verwirrend. Man sollte nicht davor zurückscheuen, Konventionen ausser Acht zu lassen und den Partner davon zu überzeugen, dass man sich so grundlegend nicht verändert hat, aber es ist ebenso wichtig, begründete Befürchtungen zu akzeptieren. Ein Dammschnitt oder ein Kaiserschnitt können physische und psychische Auswirkungen haben, die beim jeweiligen Partner unterschiedlich ausfallen. Um Tabus zu vermeiden, muss man darüber sprechen. Den anderen an seiner Gefühlswelt teilzuhaben hilft, dass er sich nicht ausgeschlossen fühlt. Ein romantisches Abendessen zu Zweit nach einem Rückbildungskurs statt einer schnell heruntergeschlungenen Mahlzeit lässt Vertrautheit und Nähe entstehen. Wichtig ist es auch, dass Sie die Zärtlichkeit zurückerobern. Schmuseeinheiten für das Baby sind gut und schön, aber auch die Eltern dürfen nicht zu kurz kommen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, also nehmen Sie sich die Zeit, sich als Paar wiederzufinden. Es wird nie wieder wie früher sein, aber glauben Sie nicht, dass es sogar noch besser sein kann?

Die Lust allmählich wieder aufleben lassen

Copyright: AllTheContent / Christian Rollini – Christian Rollini, Psychiater, Psychotherapeut und Paartherapeut, der sich auf Sexologie spezialisiert hat.

Erinnern Sie sich daran, was an Ihren ersten Begegnungen so prickelnd war. Kümmern Sie sich um Ihren Partner, aber auch um sich selbst. Lassen Sie die Lust wieder aufflammen: Schreiben Sie sich tagsüber verführerische SMS, schauen Sie sich zusammen einen (erotischen oder auch nicht) Film an, lassen Sie Ihren Partner an lustigen Momenten aus Ihrem Alltag teilhaben. Überraschen Sie Ihren Partner mit sexy Unterwäsche, massieren Sie sich gegenseitig mit köstlichen Duftölen, flüstern Sie sinnliche Worte in unerwarteten Momenten und tauchen Sie (wieder) ein in die Welle des Verlangens. Und wenn Ihnen der Sinn nach mehr Freizügigkeit steht, probieren Sie es mal mit Sexspielzeugen, die tabufrei nicht mehr unter dem Ladentisch gehandelt werden. Nehmen Sie sich Zeit mit Ihrem Partner, um das zu finden, was beiden gefällt. Verlangen und Lust können sich wieder einstellen, indem man den Partner zu überraschen versucht … Die Partitur muss aber von beiden gespielt werden. Wie es dann weitergeht, untersteht der Schweigepflicht
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Biographie

Mit Doktor Christian Rollini, Psychiater, Psychotherapeut und Paartherapeut, der sich auf Sexologie spezialisiert hat.
Doktor Rollini, ehemaliger Kaderarzt im Bereich der Beratung in psychosomatischer Gynäkologie und Sexologie am Universitätsspital in Genf (Hôpitaux Universitaires Genevois), Gründer und Vizepräsident der Swiss Society of Sexology (SSS), ist heute medizinischer Leiter am Medipsy Lausanne.

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