Am 18. März wurde in Genf der erste Schweizer Tag des Schlafes zelebriert. Die ideale Gelegenheit, um die breite Öffentlichkeit über die wichtige Rolle von Schlaf in unserem Leben zu informieren und dafür zu sensibilisieren, aber auch, um mehr über die verschiedenen Schlafstörungen zu erfahren, unter denen rund ein Viertel der Bevölkerung leiden. Denn in unserer hyperaktiven und ultravernetzten Gesellschaft sind unsere Nächte nicht immer sehr erholsam…

Für die Regeneration des Körpers ist guter Schlaf unabdingbar. Nichtsdestotrotz schlafen wir immer weniger. Gemäss der Sleep National Foundation aus den USA ist die Schlafdauer von Personen mittleren Alters zwischen 1959 und 1992 um eine Stunde pro Nacht gesunken und betrug nicht mehr 8–9 Stunden, sondern 7–8 Stunden. Eine Studie der National Health Interview Survey hat ihrerseits aufgezeigt, dass der Anteil der Berufstätigen, die pro Nacht 6 Stunden oder weniger schlafen, innerhalb von 20 Jahren von 24 auf 30 % gestiegen ist. «In den Industrieländern handelt sich hierbei um ein verbreitetes Phänomen», erklärt der Schlafexperte José Haba Rubio. «Unsere eigenen Studien haben aufgezeigt, dass wir zwischen einer und zwei Stunden pro Nacht weniger schlafen als vor einem Jahrhundert.»

Ein wissenschaftliches Mysterium

Die Reduktion unserer Schlafdauer hat damit zu tun, dass wir in einer industrialisierten Gesellschaft leben und dass wir die neuen Technologien nutzen. «Von Anfang an lebte die Menschheit mit dem Sonne-Mond-Zyklus im Einklang», erläutert Dr. Haba Rubio. «Die Entdeckung der Elektrizität hat es uns ermöglicht, am Tag und in der Nacht aktiv zu sein. Die Erfindung des Fernsehens und des Internets verleitet uns dazu, permanent im Informationsaustausch zu stehen. Wir machen nie Halt.»

Man weiss, dass es den Schlaf seit jeher gibt und auch dass alle Lebewesen schlafen. Der Fötus schläft bereits seit seiner zwanzigsten Lebenswoche. Dennoch gehört dieses Phänomen nach wie vor zu den grossen wissenschaftlichen Mysterien. «Der Schlaf hat zahlreiche Funktionen; seinen molekularen und zellulären Mechanismen sind wir allerdings noch nicht auf die Spur gekommen», erklärt der Fachmann.

Die Auswirkungen sind mitunter dramatisch

Schlafmangel kann dramatische Folgen haben. «Müdigkeit macht uns schläfrig und führt zu Auto- und Arbeitsunfällen. Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima haben sich ereignet, während übernächtigte Teams am Werk waren. Da durch Schlafmangel die intellektuellen Fähigkeiten nachlassen, kann man das Risiko schlechter einschätzen.»

Auf lange Sicht hat der Schlafmangel einen verheerenden Effekt auf die Gesundheit. So steigt das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Übergewicht und Diabetes. Einige Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass Schlafmangel zu den wichtigsten Gründen für Übergewicht bei amerikanischen Jugendlichen zählt. «Diese Erkrankungen manifestieren sich Schritt für Schritt, nicht nach einer oder zwei durchgemachten Nächten», erläutert der Arzt. Gemäss der Zahlen des Schlafzentrums des Universitätsspitals Lausanne leiden 15 bis 20% der Menschen an Tagesmüdigkeit, während sie bei 4 bis 6% extrem ausgeprägt ist. So ist der Schlafmangel mit der Zeit zu einem wirklichen Problem der öffentlichen Gesundheit avanciert.

Gute Schlafhygiene

Wie kann man nun gegen diesen Trend ankämpfen? «Die erste Massnahme besteht darin, dass man die Menschen aufklärt, damit sie begreifen, wie wichtig Schlaf ist, und ihm die gebotene Priorität einräumen», antwortet Dr. Haba Rubio. Er ist auch der Überzeugung, dass die Unterrichtszeiten in der Schule dem Tagesrhythmus der Jugendlichen angepasst werden sollten. «Es ist bekannt, dass Jugendliche die Schlafzeiten verschieben, spät ins Bett gehen und auch spät aufstehen», sagt er.

Natürlich sind Menschen sehr unterschiedlich. Einige fühlen sich gut, nachdem sie 6 Stunden geschlafen haben, während andere 9 Stunden brauchen. Es ist allerdings für alle wichtig, eine gute Schlafhygiene zu pflegen und einige grundlegende Regeln zu beachten. «Diese bestehen darin, dass man spätabends nicht fernsieht und nicht vor dem PC sitzt. Vor dem Zubettgehen sollte man auch auf intellektuelle und körperliche Aktivitäten verzichten», rät der Fachmann. «Wenn man zum Beispiel Trimmrad fährt, erhöht man seine Körpertemperatur, obwohl sie beim Einschlafen sinken soll.»

Wieder schlafen lernen

Schlaflosigkeit ist die häufigste Schlafstörung. Dagegen helfen Medikamente Benzodiazepin-Basis. «Diese Schlafmittel sollten nur bei vorübergehender Schlaflosigkeit genutzt werden», betont Dr. Haba Rubio. «Schliesslich führen sie zur Gewöhnung.» Aus diesem Grund hat das Schlafzentrum des Universitätsspitals Lausanne eine kognitive Verhaltenstherapie entwickelt, die ebenfalls gegen Schlaflosigkeit hilft und keine Nebenwirkungen hat: «Wenn wir mehrere Nächte in Folge schlecht schlafen, erkennt das Gehirn das Bett nicht mehr als einen Ruheort an», erklärt der Arzt. «Es kommt eine Angst vor dem Schlafen auf und man gerät in einen Teufelskreis.» Die Therapie zielt darauf ab, dem Gehirn das Schlafen beizubringen, damit die Nächte ruhig und die Tage energiegeladen sind.

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Copyright: AllTheContent/José Haba Rubio – Dr. José Haba Rubio

Mit freundlicher Unterstützung von Dr. José Haba Rubio, leitender Arzt vom Schlafforschungszentrum (CIRS) am Universitätsspital Lausanne (CHUV)
Dr. Haba Rubio studierte in Spanien, Belgien und Frankreich Medizin und spezialisierte sich auf die Neurologie. Anschliessend befasste er sich viel mit der Schlafforschung und arbeitete in diversen Schlafzentren in Strassburg und Genf. Er interessiert sich besonders für abnorme Bewegungen im Schlaf sowie den Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und zerebrovaskulären Erkrankungen.

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