Die Fortschritte in der Krebsforschung und anderen klinischen Bereichen haben die Effizienz der Krebsbehandlungen erheblich verbessern können. Doch trotz der therapeutischen Fortschritte, ist und bleibt die Krankheit eine grosse psychologische Herausforderung.

Festzustellen, dass man an einer ernsten Krankheit leidet, wird häufig als traumatisches Ereignis wahrgenommen. Nach der Diagnose sieht sich die Person mit zahlreichen emotionalen Umwälzungen konfrontiert. Befürchtungen, Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle – so viele Emotionen, welche die Psyche tief erschüttern. Daher ist es wahrscheinlich, dass die Konsultation eines Spezialisten Patienten beim Wiederfinden der Stabilität hilft, aber auch dabei unterstützt ihr Leben zurückzuerobern.

Zwischen Verleugnung und Unverständnis

Die Diagnose einer schweren Krankheit ist ein Moment der Verwirrung, manchmal des Schocks und der Orientierungslosigkeit. Angesichts dieser neuen Realität reagiert jeder auf seine ganz eigene Art und Weise. Die Fähigkeit, mit einer dramatischen Situation umzugehen, hängt zu einem grossen Teil von der persönlichen Lebenserfahrung ab. Die psychologischen Reaktionen sind durch die Geschichte, Kultur und persönlichen Überzeugungen beeinflusst. Neben den direkten Emotionen, können bestimmte Verteidigungsmechanismen auftreten, d. h. dass die erkrankte Person unbewusst versucht, eine untragbare Wahrheit zu verdrängen, um die angsteinflössende Belastung zu mindern. Unter den möglichen Reaktionen findet sich der Verleugnungsprozess: die Person verweigert, ignoriert oder banalisiert die Diagnose. Eine andere Haltung ist die der absoluten Beherrschung. In diesem Fall überzeugt sich der Patient, dass er alle Karten auf der Hand hat, um es zu schaffen. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen die Individuen keinen aktiven Verteidigungsmechanismus haben: « Dies sind Personen, die nicht reagieren », erklärt Marta Vitale, klinische Psychologin auf der Station Onkologie der Genfer Universitätskliniken (Hôpitaux universitaires de Genève (HUG)). « Sie sind in einer Art Schockzustand. Im Grunde genommen integrieren sie die Krankheit nicht auf der psychischen Ebene. » Ganz gleich, wie die psychologische Reaktion auch ausfallen mag, es ist essenziell, dass die Verteidigungsmechanismen, welche eine Schutzfunktion haben, aktiviert und angenommen werden – natürlich nur solange sie den Verlauf der Behandlung nicht behindern. Jeder Patient muss die Realität seiner Erkrankung für sich selbst interpretieren können.

Die Zukunft in der Schwebe

« Eine Krebsdiagnose lässt unausweichlich die Idee des Todes aufkommen », unterstreicht Frau Vitale. « Es scheint schwierig, die Zukunft zu erwägen und Projekte zu planen. » Patienten mit bösartigen Tumoren erfahren so den Zusammenbruch der temporalen Logik. Plötzlich existiert nur noch die Gegenwart. Indem sie sich nicht mehr in die Zukunft projizieren können, wird die Wahrnehmung der Zeit durcheinandergebracht. In dem Fall kann die psychotherapeutische Arbeit ihnen helfen, mit ihren Wünschen oder Projekten in Verbindung zu bleiben. Es ist tatsächlich essenziell, die Sehnsüchte und Ambitionen der Kranken zu kennen und ihre Prioritäten zu identifizieren. Paradoxerweise ist die Heilung nicht immer das Hauptziel. Manchmal gilt es einen Familienkonflikt zu lösen oder andere existenzielle Probleme anzugehen: « Die Idee ist, die Krankheit in ein allgemeineres Lebensumfeld einzubinden », stellt die Psychologin fest. « Der Gegenwart einen Sinn zu geben und Akteur seines eigenen Lebens zu werden, hilft dabei sich wiederaufzubauen. »

Eine Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt

Wie soll man einer Person mit einer schweren Erkrankung helfen? Zunächst einmal fördert ein gutes Verständnis der Krankheit den Prozess der Akzeptanz: « Es ist fundamental, den Patienten über seinen Gesundheitszustand in Kenntnis zu setzen, strikt und konsequent zu sein und ihm vollständige, genaue und auf seinen Fall zugeschnittene Informationen zu kommunizieren », erklärt die Expertin. Tatsächlich ist das Verständnis der Krankheit oft massgebend für einen guten Verlauf der Behandlung. Dies gilt ebenfalls für das Umfeld, dessen Rolle essenziell ist. Bei einer Krebserkrankung sind Freunde und Familienmitglieder direkt betroffen. Ihre Teilnahme an den psychologischen Konsultationen kann sich als positiv erweisen und ermöglichen, die ihnen nahstehende Person besser zu begleiten und sie nicht nur als jemand, der krank ist, wahrzunehmen. Denn zu oft haben Patienten Tendenz sich überwältigen zu lassen: « Der Patient bleibt eine vollständige, ganzheitliche Person », erinnert Marta Vitale. « Eine Psychotherapie besteht darin zu helfen, dass sie ihre Identität wiederfindet und wahrzunehmen, was ihre Einzigartigkeit ausmacht. » So hat das Individuum die Möglichkeit seinem Leid Ausdruck zu verschaffen, um wieder Herr über das zu sein, was ihm wiederfährt und diese Elemente zu nutzen, um sich neu zu organisieren. « Ziel ist, dafür Sorge zu tragen, dass das Ereignis Krankheit eine Erfahrung werden kann und nicht einfach nur Schicksal ist, » fährt die Psychotherapeutin fort. « Es geht darum, einen Bereich zu schaffen, in dem der Patient seine ganz persönliche Antwort erarbeiten kann. » Auf diese Art erreichen einige, dass sie mit der Zeit positive Möglichkeiten erkennen, z. B. die Chance sich selber besser kennenzulernen oder etwas in seinem Leben zu verändern. Es kommt vor, dass die durch die Krankheit verursachten Ängste und Sorgen Vorzeichen existenzieller Krisen sind. Der Patient hat so die Gelegenheit seine Schwierigkeiten zu erkennen und – weshalb nicht – latente Konflikte zu lösen. Vielleicht schafft er es, so dieses dramatische Hindernis in eine Chance zu verwandeln.

Copyright: AllTheContent / Marta Vitale

Mit Marta Vitale, klinische Psychologin auf der Station Onkologie der Genfer Universitätskliniken (Hôpitaux universitaires de Genève)
Marta Vitale ist in Italien geboren und hat ihre Studien der Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse in Neapel und Mailand absolviert. Im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit leitete sie das Zentrum für stationäre Psychotherapie «Il Sentiero» in Neapel. Seit 2005 arbeitet sie als Psychologin auf der Station Onkologie der Genfer Universitätskliniken (Hôpitaux universitaires de Genève). Sie nimmt weiterhin regelmässig an Fort- und Weiterbildungen in den Bereichen Onkologie und Psychoanalyse teil.

SLI/FBR/AllTheContent

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