Verdauungsprobleme manifestieren sich auf viele Arten: Blähungen, Schmerzen im Magen-Darmtrakt, Sodbrennen, Verstopfung oder Durchfall. Was sind ihre Ursachen und wie kann ihnen vorgebeugt werden?

Der Magen-Darmtrakt dient der Assimilierung, Absorption und Eliminierung der in der Nahrung enthaltenen Moleküle, ist aber auch ein Organ, das eine Rolle in der Verteidigung des Organismus und der Freisetzung bestimmter Hormone spielt. So vielfältig seine Funktionen sind, so zahlreich sind auch die Fehlfunktionen.

Die häufigsten Bauchschmerzen

« Die derzeit häufigsten Krankheiten des Verdauungssystems sind das Reizdarmsyndrom, Nahrungsmittelintoleranzen und Sodbrennen », betont Dr. Michel Maillard, Gastroenterologe im Centre hospitalier universitaire vaudois in Lausanne. « In Bezug auf Passagestörungen des Darms behandeln wir viele Patienten, die an chronischer Verstopfung oder Durchfall leiden, d. h. deren Dauer 3 Wochen überschreitet. » Auch wenn Menge und Qualität der Ernährung eine wichtige Rolle für das Auftreten von Verdauungsproblemen spielen, so sind die psychologischen Faktoren, wie Angst oder Sorgen und Stress nicht zu vernachlässigen. « Wichtig ist, sich daran zu erinnern, dass man sich für jede Mahlzeit zwischen 30 und 45 Minuten Zeit nehmen und diese regelmässig einnehmen sollte », fügt Dr. Maillard hinzu. « Sich hinsetzen, die Nahrung gut kauen und sich Zeit für die Verdauung nehmen sind Verhaltensweisen, die Verdauungsproblemen vorbeugen. »

Reizdarmsyndrom

Blähungen, Bauchschmerzen, Verstopfung, Durchfall… dies ist das fast tägliche Los derjenigen, die am Reizdarmsyndrom (RDS) leiden. Klinisch charakteristisch sind chronische Schmerzen des Abdomens, kombiniert mit Verdauungsproblemen. Lange Zeit wusste man nur wenig über das RDS, doch es wird heute nach und nach besser verstanden. Daher können Patienten auch von einer angemesseneren Behandlung profitieren. Auch wenn scheinbar mehrere Faktoren eine Rolle spielen, beruht die ernsthafteste Hypothese auf einer Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel, die ihre Ursache in einem Ungleichgewicht der Darmflora hat. Stress könnte ein Katalysator für das Auftreten eines RDS sein. Derzeit profitiert der Patient von der Behandlung der Symptome, um die Schmerzen zu lindern, bei gleichzeitiger psychologischer Betreuung, um mit diesem quasi permanentem Unwohlsein besser umgehen zu können.

Einfluss der Ernährung auf die Verdauung

Die in der Nahrung enthaltenen Nährstoffe sind zum grössten Teil grosse Moleküle, die aufgrund dieser Grösse oder ihrer hydrophoben Merkmale vom Darm nicht direkt absorbiert werden können. Daher spaltet der Verdauungstrakt die Moleküle in kleinere Partikel und/oder setzt Verdauungsenzyme oder die bakterielle Darmflora ein, um sie wasserlöslich zu machen. Im Fall von Nahrungsmittelintoleranzen, wie Laktose- oder Glutenunverträglichkeit, sind die Personen nicht in der Lage das entsprechende Molekül zu verdauen und zu assimilieren. Zöliakie – generell Glutenintoleranz genannt – betrifft ca. 1% der Bevölkerung und ist eine schmerzhafte Erkrankung, die sich mit einer chronischen Entzündung des Darms manifestiert. « Heute sehen wir zunehmend Patienten, die an einer Glutenintoleranz leiden », präzisiert der Facharzt. Ein immer hygienischeres Umfeld, der zunehmende Gebrauch von Antibiotika, eine wenig variantenreiche und schlecht ausgewogene Ernährung sind Faktoren, welche die bakterielle Diversität der Darmflora verringern und damit auch die einer effizienten Verdauung. Die in den Nahrungsmitteln enthaltenen Konservierungsstoffe, Geliermittel oder Hilfsstoffe sind chemische Moleküle, die derzeit untersucht werden, um ihre Implikation in diesem Phänomen der Nahrungsmittelintoleranz zu messen. » Aufgrund ihrer progressiven Manifestierung und der sehr grossen Vielfalt der Symptome, sind zahlreiche Patienten, die an Zöliakie leiden, noch nicht diagnostiziert.

Wie gegen Blähungen kämpfen?

Bei den meisten Menschen zeigen sich Blähungen durch das Gefühl eines geschwollenen (geblähten) Bauches, kombiniert mit Gasen im Darm, die nicht evakuiert werden. Bei anderen spricht man von empfindlicher Verdauung mit fehlenden Darmgasen. « Um Flatulenzen zu verhindern, gilt es künstliche Zucker, die beispielsweise in Softdrinks, Joghurts oder Kaugummi enthalten sind, zu vermeiden. Dies sind sog. träge, langsame Zucker (Polyole, Aspartam, Sorbitol etc.), die im Darm verweilen und dort fermentieren », erklärt der Gastroenterologe.
Um diese Blähungen zu vermeiden, wird empfohlen, die Bauchdecke zu stärken sowie seine Verdauung zu überwachen. Im Hinblick auf die Ernährung ist es äusserst ratsam, das Trinken von kohlesäurehaltigen Getränken zu vermeiden und lösliche Fasern, in angemessener Menge, zu konsumieren, um die Verdauung zu fördern. Grosse Mengen Milchprodukte fördern Blähungen, denn im Dickdarm fermentiert die Laktose und produziert Gase.

Unser Bauch, ein zweites Gehirn

Die Psyche hat einen grossen Einfluss auf Verdauungsprobleme: Sicherlich redet man von einem « mulmigen Gefühl, einem Knoten im Magen » während eine starke Emotion oder Angstattacke Durchfall oder Erbrechen provozieren kann. « Der Darm ist häufig eine Art Thermometer für generelles Unwohlsein, das sich im Leben des Patienten manifestiert », präzisiert Dr. Maillard. « Die Gastroenterologen beobachten oft, dass wenn etwas nicht in Ordnung ist, die Patienten Symptome im Bereich des Verdauungstraktes aufweisen. » Der Verdauungstrakt ist besonders reich an Nervenfasern, daher wird er auch «zweites Gehirn» genannt, eine Bezeichnung, die häufig in den Medien benutzt wird. Für unseren Facharzt kann dieser Begriff auf zwei Arten gedeutet werden: « Erstens, man betrachtet ihn tatsächlich als eine Art zweites Gehirn, da die Dichte und Komplexität des neuronalen Netzwerks im Darm vergleichbar mit der des Gehirns ist. Zweitens, man könnte sagen, dass die Darmflora uns wie ein zweites Gehirn leitet, also quasi ein zweites Kommandozentrum ist. Es hat sich gezeigt, dass vor allem bei Tieren die Darmflora in physiopathologische Mechanismen, die bestimmte psychiatrische oder neurologische entzündliche Erkrankungen regeln, impliziert ist. » Nicht zu vergessen, dass wenn Schmerzen im Magen-Darm-Trakt plötzlich und heftig auftreten und lange andauern, muss vor allem anderen ein Arzt konsultiert werden.

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Mit Dr. Michel Maillard, Facharzt für Gastroenterologie FMH
Michel Maillard ist seit 2007 in der Gastroenterologie und Hepatologie des Centre hospitalier universitaire vaudois in Lausanne tätig. Sein Interesse gilt insbesondere den entzündlichen Darmerkrankungen. Seine in den besten wissenschaftlichen Journalen veröffentlichten Forschungsarbeiten wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Er ist Co-Präsident des wissenschaftlichen Komitees des Swiss IBD Cohort (SIBDCS) (Cohorte suisse des maladies inflammatoires intestinales), einem Zusammenschluss von Ärztinnen/Ärzten und Wissenschaftlern, die zum Ziel hat, chronisch entzündliche Darmerkrankungen besser zu verstehen.

Morbus Crohn: eine schmerzhafte und invalidisierende Erkrankung

Morbus Crohn – genannt nach dem Arzt, der die Krankheit zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieb – ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die im gesamten Verdauungstrakt von der Mundhöhle bis zum After auftreten kann. Es können Personen jeden Alters betroffen werden und die Ursachen der Krankheit sind bis heute nicht vollumfänglich geklärt.
Tausende Schweizer und Schweizerinnen sind betroffen. In den meisten Fällen entwickelt sich die Krankheit im Ileum, d.h. in dem Teil des Darms, welcher den Dünndarm mit dem Dickdarm verbindet. Sie entwickelt sich ein Leben lang und tritt in Schüben auf, die durch Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber gekennzeichnet sind. Auch Gewichtsverlust und Fisteln am Anus sind zu beobachten. Die Schmerzen im Verdauungstrakt können von Entzündungen der Augen, Haut oder Gelenke begleitet sein. Auftreten und Intensität der Symptome variieren je nach Person. Zwischen den Schüben, die meist nicht lange dauern, liegen Erholungsphasen, in denen die erkrankte Person nicht das geringste Symptom verspürt. Da die Krankheit den Verdauungstrakt betrifft, ist ihre Diagnose nicht einfach und wird manchmal fälschlicherweise als Reizdarmsyndrom beurteilt. Sie kann ebenfalls mit der ulzerativen Kolitis verwechselt werden, die ähnliche Symptome aufweist, aber nicht den Darm betrifft. Bestätigt werden kann die Diagnose mit bildgebenden Untersuchungen und Endoskopien.

SLI/JPAS/AllTheContent

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