Wenn das Immunsystem sein Ziel verfehlt

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Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) betroffen. Diese fortschreitende entzündliche Wirbelsäulenerkrankung ist mit starken Schmerzen verbunden und kann mit der Zeit zu Behinderungen führen. Spezifische gymnastische Übungen können dem vorbeugen.

Leiden Sie an Morgensteifigkeit, geringer Belastbarkeit und schneller Ermüdung der Wirbelsäule? Morbus Bechterew könnte die Ursache sein. «Wie bei allen entzündlichen rheumatischen Erkrankungen sind die Schmerzen in Ruhe stärker ausgeprägt als bei Bewegung», erklärt Dr. Pascal Zufferey, Chefarzt der rheumatologischen Abteilung des Universitätsspitals Lausanne. Diese Erkrankung sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. «Sie gehört zu den sogenannten Spondylarthropathien. Es handelt sich um die schwerwiegendste Erkrankung in diesem Bereich, da sie in bestimmten Fällen zum Verschmelzen der Wirbel und somit zum Verlust der Beweglichkeit führt.»

Eine Erkrankung der Wirbelsäule

Morbus Bechterew beginnt in der Regel vor dem 40. Geburtstag und betrifft etwas weniger als 1 Prozent der Bevölkerung. In der Schweiz wurde die Erkrankung bei 10’000 Personen diagnostiziert (wobei schätzungsweise 70’000 betroffen sind). Vorwiegend handelt es sich dabei um Männer. «Es ist eine Autoimmunerkrankung», präzisiert Pascal Zufferey. «Das bedeutet, dass das Immunsystem ein falsches Ziel attackiert und den Körper angreift, anstatt ihn gegen äussere Angriffe zu verteidigen.» Bei den Spondylarthropathien kommt es zu Entzündungen der Strukturen, die die Knochen miteinander verbinden, sprich Sehnen und Bänder (Enthesen). «Da diese Enthesen in der Wirbelsäule und im Iliosakralgelenk (Anm. d. Red. – gelenkige Verbindung zwischen dem Kreuzbein und dem Darmbein) besonders zahlreich sind, wirkt sich die Erkrankung vor allem auf den Rücken und das Becken aus», erläutert der Mediziner.
Der Schweregrad der Erkrankung variiert stark, so ist nur ein geringer Anteil der Patienten von der Verkalkung der Bänder und Sehnen, die letztendlich zur Einschränkung der Beweglichkeit führt, betroffen. Falls es aber doch dazu kommt, ist diese Entwicklung irreversibel. «Zu den langfristigen Folgen gehört ein erhöhtes Frakturrisiko», erläutert der Fachmann. «Darüber hinaus kommt es zu einer zunehmenden Versteifung der Wirbelsäule».
Die genetische Prädisposition spielt bei der Entstehung dieser Krankheit eine wesentliche Rolle. Insbesondere geht es dabei um die Anwesenheit des Antigens  HLA-B27. Dieses ist im Chromosom 6, das für die Regulierung des Immunsystems zuständig ist, kodiert. HLA-B27-Träger haben ein um den Faktor zehn erhöhtes Risiko, an Morbus Bechterew zu erkranken. «Meistens weiss man jedoch nicht, was die Krankheit ausgelöst hat», betont der Experte. « Einige Infektionen, wie eine Gastroenteritis oder eine Harnwegsinfektion, können dabei eine Rolle spielen.» Die Erkrankung schreitet schubweise voran, sprich es geht dem Betroffenen einige Wochen lang schlecht und dann bessert sich sein Befinden. «Mit dem Alter mildert sich die Erkrankung ab, weil die Entzündung vor allem am Anfang intensiv ist», beruhigt Pascal Zufferey.

Lebenswichtige Organe nicht betroffen

In der Regel beginnt Morbus Bechterew mit entzündlichen Kreuzschmerzen, deren Ursache mittels MRT festgestellt werden kann. Später zeigt sich die Krankheit auch auf einfachen Röntgenbildern. Als MRT-Untersuchungen noch nicht verbreitet waren, mussten mehrere Jahre vergehen, bis die Diagnose Morbus Bechterew bestätigt werden konnte. «Sie basiert auf unterschiedlichen Kriterien», führt Pascal Zufferey aus. «Man berücksichtigt dabei die Lokalisierung der Schmerzen, das Vorliegen einer Entzündung und die Familienanamnese. Bisweilen treten auch Symptome auf, die über die Gelenke hinausgehen, nämlich Augenentzündungen oder Psoriasis.» Glücklicherweise geht diese Erkrankung nicht auf lebenswichtige Organe wie Herz, Gehirn, Nieren oder Lungen über. Im Gegensatz zu anderen Autoimmunerkrankungen, wie zum Beispiel Lupus, stellt sie somit keine potenzielle Lebensgefahr dar.
Zur Behandlung von Morbus Bechterew werden vor allem entzündungshemmende Mittel eingesetzt. In der Regel ist diese Therapie ausreichend. Darüber hinaus werden heute «biologische» Arzneimittel eingesetzt. Il existe également des médicaments que l’on qualifie de «biologiques», die Anti-TNF-alpha-Therapie, die Symptome abmildert, ohne jedoch die Verkalkung aufzuhalten. «Aus diesem Grund sollte man alles machen, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu erhalten, ajoute der Arzt abschliessend. Und zwar mittels spezieller Übungen. Die Patienten bevorzugen insbesondere solche, die im Wasser durchgeführt werden.»
Ärzte setzen zudem immer öfter die Elektrostimuliation ein., eine ausgezeichnete, nicht-chemische Methode zur Schmerzbekäampfung und Verbesserung des Wohlbefindens.Dabei werden die Nervenfasern, die die Muskeln umgeben, mittels Elektroden, die elektrische Impulse aussenden, stimuliert. Diese Behandlung wird vor allem bei Morbus Bechterew empfohlen.

Pascal Zufferey, Leiter der rheumatologischen Abteilung des Universitätsspitals LausanneMit Pascal Zufferey, Leiter der rheumatologischen Abteilung des Universitätsspitals Lausanne
Der gebürtige Walliser Pascal Zufferey studierte Medizin an der Universität Lausanne. Anschliessend war er als Assistenz- und Oberarzt tätig und spezialisierte sich auf innere Medizin, physikalische und rehabilitative Medizin und Rheumatologie. Seit 2011 leitet er die Rheumatologische Klinik am Universitätsspital Lausanne.

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