Rückenbeschwerden, Schmerzen im Nacken, in den Schultern, am Ellbogen oder in den Händen, so sieht die traurige Realität vieler Beschäftigter in der Schweiz aus. Muskuloskelettalen Erkrankungen (MSE), das Arbeiter-Syndrom, betrifft Millionen von Menschen weltweit. Da sie viele Symptome verursachen, die auch bei anderen Pathologien auftreten, ist die Diagnose von MSE sehr komplex.

Dem Bericht «Fit For Work? Erkrankungen des Bewegungsapparats und der Schweizer Arbeitsmarkt» (2010) zufolge leiden 24 % der männlichen Beschäftigten und 16 % der weiblichen Beschäftigten unter MSE (muskuloskelettalen Erkrankungen), die teilweise arbeitsbedingt sind. Der Bericht betont ebenfalls, dass 26 % der krankheitsbedingten Fehlzeiten MSE anzulasten sind. Geschätzte Kosten in Höhe von 3,3 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr in Form von Produktivitätsverlusten und von rund einer Milliarde pro Jahr in Form von Arbeitsabsenzen. Ein Problem des öffentlichen Gesundheitswesens, das heute noch schwer in den Griff zu bekommen ist. Die MSE, die verschiedene Pathologien umfassen, werden nicht alle von der Verordnung über die UVV (Unfallversicherung, Art. 14, Anhang 1.2) anerkannt. Die Liste der arbeitsbedingten Erkrankungen stellen nur einen kleinen Teil dar. Eine Gesetzeslücke und ein Versäumnis in den Medizinbüchern. Alles in allem ein echtes Problem!

Was versteht man unter MSE?

Die hauptsächlich arbeitsbedingten muskuloskelettalen Erkrankungen (MSE) betreffen die Weichgewebe, die mit dem Bewegungsapparat verbunden sind: obere Gliedmassen (Nacken, Schultern, Arme, Hände), untere Gliedmassen und Wirbelsäule. Eine Erkrankung umfasst vielseitige und unbestimmte klinische Erscheinungen, akute und/oder chronische Läsionen, deren anatomisches Substrat nicht immer bekannt ist. Nun beruht jedoch die gesamte medizinische Wissenschaft auf präzisen Kriterien, die die Bestimmung der ausgeprägten Merkmale der Krankheit erlauben. So unterschiedliche Erkrankungen wie Skeletterkrankungen entzündlichen, mechanischen, degenerativen, funktionellen oder sogar psychologischen Ursprungs können nicht in einen Topf geworfen werden.

Diese verschiedenartigen Krankheiten können die Knochen, die Bänder, die Gelenkkapseln, die Muskulatur oder die Sehnenscheiden betreffen. Es handelt sich hier um verschiedene Krankheiten, die differenzierte Behandlungen erfordern, die auf dem Ursprung der Krankheit, den Erbanlagen und dem Alter des Patienten basieren sowie auf den Kenntnissen, die man über diese Erkrankungen hat. Die Abkürzung MSE stellt somit keine Diagnose dar, sondern einen Oberbegriff, der verschiedene Krankheiten aufgrund von physischen Aktivitäten umfasst, die den Bewegungsapparat belasten: Lumbalgie, Karpaltunnelsyndrom, Bursitis im Knie (Schleimbeutelentzündung), rheumatoide Arthritis (gelenkzerstörende Entzündung), Spondylitis (rheumatische Erkrankung, die sich in Schmerzen der Gelenke und der Wirbelsäule äussern, die teilweise mit Psoriasis oder Erkrankungen von Verdauungsorganen einhergehen) usw.

Schwer zu diagnostizierende Erkrankungen

Da MSE ein breites Spektrum an Pathologien umfassen, ist es für den Arzt schwer, zu bestimmen, an welcher Krankheit sein Patient leidet. Wie müssen beispielsweise Syndrome wie das Karpaltunnelsyndrom eingeordnet werden? Diese Einengung des Medianus-Nervs in einem Kanal tritt häufig in der Schwangerschaft auf. Allerdings tritt diese muskuloskelettale Erkrankung auch bei bestimmten Arbeiten auf, die Vibrationen am Handgelenk erzeugen und so zu einer Läsion des genannten Medianus-Nervs führen (diese Erkrankungen äussern sich durch Kribbeln in den Fingern der Hand). Oder wie kann man z.B. die Dupuytren’sche Erkrankung erkennen, die zu einer Krümmung der Finger führt und rein gar nichts mit dem Karpaltunnelsyndrom zu tun hat? Und wie sollte schliesslich die Tendovaginitis de Quervain untersucht werden, die die Strecksehne des Daumens betrifft? Diese drei Erkrankungen haben keine Gemeinsamkeiten. Und doch betreffen sie alle die Hand und äussern sich in ähnlichen Symptomen.

Natürlich erstreckt sich die Komplexität einer Diagnosestellung nicht allein auf die Hand, die gleiche Problematik kann auch für die unteren Gliedmassen zitiert werden. Wenn man aus einem beliebigen Grund nach einer Anstrengung «blockiert» ist, dann deshalb, weil das Iliosakralgelenk – eins der wichtigsten Gelenke des Beckenbereichs, der das Gewicht des Körpers trägt – nicht mehr funktioniert. Dies kann zu Auswirkungen auf die unteren Gliedmassen bis hin zur Ferse führen. Der Patient zeigt Muskelverspannungen, die zu Beschwerden beim Gehen, Sitzen und Stehen führen. So sind diese Erkrankungen sehr unterschiedlich und dürfen nicht alle in einen Topf geworfen werden. Sie haben definitiv nichts miteinander zu tun, ihr einziger Schnittpunkt sind der Schmerz und die begleitende Funktionsstörung, die sich daraus ergibt.

Verschiedene Therapiemöglichkeiten

Es gibt eine Vielzahl an muskuloskelettalen Erkrankungen. Ein Phänomen, das unter anderem der Vielfalt an Berufen geschuldet ist, die in unseren verschiedenen Branchen anzutreffen sind: die betroffene Person wird nicht das gleiche Krankheitsbild zeigen, wenn sie im Sitzen oder im Stehen arbeitet, wenn sie beweglich ist oder nicht oder wenn sie eher ihre Arme als ihre Beine einsetzt. Die meisten dieser Erkrankungen können glücklicherweise medikamentös und fallspezifisch behandelt werden (Entzündungshemmer oder nichtsteroidale Antiphlogistika). Alternative Lösungen können ebenfalls anvisiert werden: Infiltrationstherapie mit Kortikoiden, Physiotherapie und chirurgische Eingriffe sind mitunter notwendig. Zusätzlich zu einer anderen Behandlung oder als Stand-alone-Therapie kann sich ebenfalls die Elektrostimulation als wirksam erweisen. Die Methode, die besonders gut bei Lumbalgien (oder anderen Rückenschmerzen) oder bei chronischen Schmerzen nach einer Verletzung greift, führt zu einer raschen Schmerzlinderung.

Die MSE werfen heute immer noch viele Fragen bzw. Polemiken auf, denn die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen sind gross: Über die Kosten hinaus müssen eine hohe Anzahl an Absenzen angeführt werden und somit eine niedrigere Produktivität im Unternehmen. Wie allerdings aus dem Bericht «Fit For Work» hervorgeht, kann eine MSE arbeitstechnisch sicherlich hinderlich sein, aber das führt nicht zwingend dazu, dass der Arbeitnehmer die Arbeit überhaupt nicht mehr ausführen kann. Wenn ein Arbeitnehmer unter Rückenschmerzen leidet, könnte man beispielsweise seinen Arbeitsplatz anpassen, seine täglichen Arbeitsstunden reduzieren oder ihm eine andere Tätigkeit zuweisen als die, die bei ihm zu Rückenschmerzen führt, bis eine Gesundung eintritt. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, einen Arbeitnehmer nicht krankzuschreiben, wenn es nicht unbedingt sein muss. Der Arbeitnehmer, der durch die überlangen Arbeitsausfälle schnell ins Abseits gerät, kann sich selbst gegenüber negative Gefühle entwickeln, weil er sich beispielsweise nutzlos fühlt. Die Idee besteht somit nicht darin, Leute zum Arbeiten zu zwingen, wenn sie krank sind, sondern gemeinsam mit den Ärzten Lösungen zu finden, damit jeder mit der Situation zufrieden ist, die Unternehmen genauso wie die Arbeitnehmer.

SLI/FBR/AllTheContent

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