Schlafstörungen, Hitzewallungen, Gelenkschmerzen, jedem kleinen Alltagsproblem entspricht ein natürliches Heilmittel. Die Heilpflanzen enthalten Wirkstoffe, die teilweise wissenschaftlich untersucht wurden. Bei unsachgemässer Verwendung können sie sich als schädlich erweisen. Eine gewisse Vorsicht ist geboten.

Kleine Alltagsbeschwerden mit Pflanzen zu lindern ist nichts Neues. Bereits vor 3000 Jahren vor Christus machten sich die Sumerer Myrte, indischen Hanf und Thymian für Heilbehandlungen zunutze. Eine der ersten Schriften über Heilpflanzen stammt aus dem alten Ägypten und wird auf das Jahr um 1500 vor Christus datiert. Es handelt sich um den Papyrus Ebers, der mehrere Hundert Heilpflanzen auflistet. Im Laufe der Zeit haben die Ärzte der Antike ein regelrechtes Arzneibuch zusammengestellt. Das Werk «De materia medica» eines griechischen Arztes aus dem 1. Jahrhundert nach Christus war lange Zeit eines der wichtigsten Referenzwerke in Europa. Im Mittelalter blieb die Medizin der Phytotherapie treu. Bei archäologischen Ausgrabungen in einem Ordenskrankenhaus in Schottland aus dem 11. Jahrhundert wurden Relikte des Gebrauchs von Mohn als Schmerzmittel gefunden. Aber erst im 19. Jahrhundert und mit der Entwicklung der Chemie erfährt man mehr über diese Pflanzen. Die in den Blättern, Wurzeln und Blüten konzentrierten Wirkstoffe werden untersucht, um mehr über ihre therapeutischen Eigenschaften und ihre unerwünschten Wirkungen zu erfahren. Im Verzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen heute 22’000 Heilpflanzen, von denen 2000 bis 3000 wissenschaftlich untersucht wurden. Diese Naturheilkunde darf nicht mit der Homöopathie verwechselt werden, deren Wirkstoffe pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ursprungs mehrfach verdünnt eingesetzt werden. Die Homöopathie geht auf eine viel zeitgenössischere Medizin zurück, die im 18. Jahrhundert von Samuel Hahnemann begründet wurde.

Für jeden die passende Form

© Rodion Kutsaev

Die Phytotherapie von griechisch «phyton», Pflanze, und «therapein» heilen, bezieht sich auf den therapeutischen Einsatz von Pflanzen. Die einfachste Art, diese Pflanzen zu sich zu nehmen, ist und bleibt der Aufguss zarter Pflanzenteile wie Blätter und blühende Spitzen. Aber nicht jeder Wirkstoff ist wasserlöslich, und um ihre Wirkung zu entfalten, müssen bestimmte Pflanzen in Form von Pulver, Absud oder Urtinktur konsumiert werden. Um die wasserlöslichen Polyphenole der Melisse zu extrahieren, reicht es, kochendes Wasser auf die getrockneten Blätter zu gießen. Im Unterschied dazu wird Kurkumin – der fettlösliche Wirkstoff von Kurkuma – durch Mazeration in Alkohol gewonnen. Bestimmte Wirkstoffe, die weder in Wasser noch in Alkohol löslich sind, müssen per Kaltmahlung zu Pulver zermahlen werden. Diese Technik schützt die empfindlichen Bestandteile vor der Oxidation durch Luft, bevor sie verkapselt werden. Dies ist der Fall des Acker-Schachtelhalms, der für seine entwässernde und remineralisierende Wirkung bekannt ist. Seine fein verästelten Halme sind reich an Silikaten und organisch gebundenem Silizium, die weder in Wasser noch in Alkohol löslich sind. Für eine optimale Wirkung muss das Pflanzenorgan mit der höchsten Wirkstoffkonzentration ausgewählt werden: die Wurzel der Teufelskralle, die Blüten der Passionsblume, die Samen der Guaranaliane oder die Blätter des Ginkgo.

Natürliche und toxische Heilmittel

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Die Phytotherapie bietet für jedes Alter eine natürliche Lösung. Die Kamille beruhigt Kleinkinder, die Klette reinigt die Haut von Jugendlichen, die Guaranalinie sorgt bei jungen Erwerbstätigen für Vitalität und die Teufelskralle lindert die rheumatischen Beschwerden älterer Menschen. Einige Pflanzen besitzen bekannte antibakterielle und antivirale Eigenschaften, andere Pflanzen wirken bei Verdauungsstörungen und sind verdauungsfördernd. Baldrian, Passionsblume, Weissdorn und kalifornischer Mohn ähneln «Schlafpflanzen». Bei Einschlafstörungen oder nächtlichem Aufwachen werden diese Pflanzen in Form von Kräutertee oder Urtinktur vor dem Schlafengehen eingenommen.
Diese Pflanzen sind zwar natürlich, aber deshalb nicht weniger harmlos. Bei falschem Gebrauch können sie leber- oder nervenschädigend wirken und irreversible Folgen haben. Generell sollte die Phytotherapie bei Schwangeren, Stillenden, Kindern unter 6 Jahren und Personen, die medikamentös behandelt werden, nicht angewendet werden. Chemische Wechselwirkungen können auftreten. Die Einnahme von Johanniskraut, um eine leichte Depression zu behandeln, ist unvereinbar mit der Einnahme einer Anti-Baby-Pille, da die Empfängnisverhütung versagen kann. Weißdorn kann bei Überdosierung zu Herzklopfen, Kopfschmerzen oder sogar zu Hitzewallungen führen. Steinklee hingegen, der bei schweren Beinen empfohlen wird, wirkt als Antikoagulans. Er verdünnt das Blut und erhöht das Risiko von Blutungen. Andere Pflanzen sollten beispielsweise bei Allergien vermieden werden. Mädesüss, Weide und Birke enthalten Salicylsäurederivate, die bei Aspirin-Allergie gefährlich sein können. Anis und Fenchel ihrerseits sind bei Anethol-Unverträglichkeit kontraindiziert. Auch ein natürliches Heilmittel kann zu einem Gift werden. Die Selbstmedikation auf Heilpflanzenbasis ist deshalb mit Vorsicht zu geniessen. Im Zweifelsfall sollten Sie lieber ihren Arzt oder Apotheker zu Rate ziehen.

Beschwerden von Kleinkindern lindern
Melisse, Fenchel, Kamille oder auch Ingwer können Müttern in Form von Kräutertees zahlreiche Dienste erweisen. Die Kräutertees, die sich einfach zu Hause herstellen lassen, können bestimmte Arten von Bauchschmerzen von Säuglingen lindern. Die wasserlöslichen Wirkstoffe dieser Pflanzen bieten den Vorteil, schnell verstoffwechselt zu werden und die Wasserzufuhr unterstützt in der Regel die Heilung. Mütter können so in entspannter Atmosphäre Fencheltee verabreichen, der dem Fläschchen beigegeben wird, um Koliken durch zu viel Luft im Bauch zu lindern. Dazu wird ein Kaffeelöffel süsser Fenchelkörner in einer Tasse mit heissem Wasser übergossen und 10 Minuten ziehen gelassen. In diesem Alter empfehlen Mediziner, dem Fläschchen eine Viertel Tasse Kräutertee hinzuzufügen, bei Kindern zwischen 3 und 6 Jahren wird diese Dosis auf eine halbe Tasse erhöht und bei Kindern ab 7 Jahren auf eine ganze Tasse Kräutertee. Die Einnahme kann je nach Bedarf 2 bis 4 Mal am Tag wiederholt werden. Andere Pflanzen, Melisse und Feldthymian, können aufgrund ihrer krampflösenden Wirkung beigemischt werden. Um eine Diarrhö zu stoppen, wählen Mütter einen Kräutertee mit Blättern von Blutweiderich, Wurzeln der Erdbeerpflanze oder Heidelbeeren. Einzeln oder gemischt zeichnen sie sich durch eine hohe Wirkung aus und verhindern das Risiko der Dehydratation. Bei Verstopfung dagegen wirkt ein Kräutertee mit Malvenblättern und Eibischwurzeln wahre Wunder. Sie wirken sanft auf das Verdauungssystem und leisten schnell Abhilfe. Auch hier ist das Rezept praktisch unverändert. In einer Tasse mit heissem Wasser wird ein Teelöffel der Pflanzen vermischt, die 3 Stunden ziehen müssen, bevor der Kräutertee getrunken werden kann.

Stillen mit Hilfe von Pflanzen

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Nach ihrer Rückkehr aus der Klinik entscheiden sich manche Frauen dafür, zu stillen. Zu viel oder zu wenig Milch, das Stillen kann sich mitunter als recht mühselige Angelegenheit herausstellen. Die natürlichen Heilmittel, die aus der Ernährung oder den Pflanzen gewonnen werden, können sich diesbezüglich als große Hilfe erweisen. Der Verzehr von Linsen oder Kichererbsen z. B. fördert die Milchbildung. Einige Pflanzen sind für ihre galaktogenen Eigenschaften bekannt wie beispielsweise Fenchel, Bockshornklee, Anis, Dill, Geissraute oder Kümmel. Am einfachsten lassen sich diese Pflanzen in Form von Kräutertees zu sich nehmen, zumal es für die Milchbildung wichtig ist, rund 2,5 Liter Wasser am Tag zu trinken. Da bietet es sich also an, seinen eigenen Kräutertee zu Hause zuzubereiten. Man muss lediglich 50 Gramm (g) Anis, 30 g Fenchel, 30 g Geissraute, 30 g Kümmel, 30 g Bockshornklee und 30 g Grosse Brennnessel miteinander vermischen. Man rechnet einen Kaffeelöffel für eine Tasse kochendes Wasser. 10 Minuten ziehen lassen und dann durch ein Sieb giessen. Phytotherapeuten empfehlen, von diesem Kräutertee rund 1 Liter über den Tag verteilt zu trinken. Andere Vorteile dieser Kräutertees bestehen darin, dass die Wirkstoffe des Fenchels oder des Anis in die Muttermilch fliessen und so die Verdauung des Säuglings unterstützen und die Linderung von Koliken fördern. Andere Pflanzen hingegen setzen die Milchbildung herab und sollten beim Stillen vermieden werden. Hier können Petersilie, Salbei und frische Minze genannt werden. Sie werden jedoch für das sanfte Abstillen empfohlen und um Milchstaus beim Abstillen vorzubeugen.

SLI/PMI/AllTheContent News Agency

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