Copyright: AllTheContent / Pixabay - Un bambin aux parents trop sévères ou rigides peut se sentir paralysé.

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Schüchternheit ist ein zutiefst menschlicher Wesenszug. Alle Kinder haben diese Erfahrung in bestimmten Situationen gemacht, zum Beispiel, wenn sie einen Unbekannten begrüssen oder vor ihren Klassenkameraden das Wort ergreifen sollen. Wird dieses Gefühl jedoch als abwertend erlebt oder verteufelt, kann es zu einem echten Leidensdruck führen. Wissenswertes über ein häufiges Übel, das zu einem echten Handicap werden kann.

Mangelnder Wagemut, Rückzug von den Anderen, ein Gefühl der Unsicherheit, Introvertiertheit – Schüchternheit hat viele Gesichter. Aber wie lässt sich diese Emotion, bei der es sich um keine Pathologie handelt, genau definieren? „So allgemein lässt sich das nur schwer sagen“ erläutert Doktor Dante Trojan, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätskrankenhauses Genf (HUG). „Zahlreiche Kinder können als ängstlich bezeichnet werden. Diese Neigung nimmt jedoch bei jedem einzelnen Kind unterschiedliche Ausprägungen an. Sie verändert sich ausserdem je nach der jeweiligen Situation, in der sie zum Ausdruck kommt.” Es handelt sich um ein vielfältiges und sehr weit verbreitetes Phänomen, das jedoch oft als Fehler wahrgenommen wird.

Gene, die genieren

Bei wissenschaftlichen Studien in den Vereinigten Staaten wurden umstrittene Ergebnisse erzielt, die auf eine genetische Veranlagung für Schüchternheit hindeuten. Nach diesen Arbeiten besitzen manche Kinder ein besonderes neurochemisches Profil, das ihnen ein besonders scheues Verhalten beschert: „Wenn es dieses spezielle Gen geben sollte, so entzieht es sich bis jetzt meiner Kenntnis“ meint Doktor Trojan mit einem Lächeln. „Es gibt sicherlich wie für Alles eine genetische Verankerung, die jedoch einer Gruppe von Genen und nicht einem einzelnen, isolierten Gen zuzuordnen ist.“ Es ist wohl eine unzulässige Vereinfachung, davon auszugehen, dass ängstliche Verhaltensweisen ausschliesslich auf ein physiologisches Erbe zurückzuführen sind, da das familiäre Umfeld eine unumstrittene Rolle bei ihrer Entstehung spielt. Ein Kind, dessen Eltern allzu streng oder starr sind, kann sich eingeengt fühlen und Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen. Im Gegenteil besteht in Familien, in denen die Kinder zu stark idealisiert werden, die Gefahr, dass deren natürliche Entwicklung behindert wird.

Der Schneeballeffekt

Ab welchem Zeitpunkt wird Schüchternheit als ein Hindernis betrachtet? Wo liegt die Grenze zwischen einem gängigen Phänomen und einer krankhaften Verhaltensweise? Das ist hauptsächlich eine Frage der Ausprägung. Die als angsteinflössend empfundenen Personen, Orte und Situationen sind von Kind zu Kind verschieden. Der Umstand, dass das Halten eines Referats vor der Klasse oder das Mitspielen in einem Theaterstück Beklommenheit hervorruft, ist relativ normal. Tauchen dagegen ängstliche Reaktionen unter ganz banalen Umständen oder in extremem Ausmass auf, sollte man sich eine Reihe von Fragen stellen: „Zuallererst ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, wie das betroffene Kind die Lage erlebt“ unterstreicht Doktor Dante Trojan. „Wird diese Schüchternheit als eine Belastung oder ein Handicap empfunden, muss etwas unternommen werden.“ Sobald der Vater oder die Mutter des Kindes eine wiederkehrende Beklommenheit, eine Einschränkung der Aktivitäten oder an eine Phobie erinnernde Aspekte bemerken, ist die Schüchternheit des Kindes wahrscheinlich der Ausdruck eines tiefer sitzenden Leidens. Das Risiko? Sie kann zum Entstehen eines Teufelskreises führen. Auf Dauer kann der Umstand, sich ständig zu drücken, zu Versagensgefühlen führen und die Selbstachtung negativ beeinflussen. Die vom Kind gemiedenen Situationen und Personen behalten ihr Beängstigungspotential bei und durch das ständige Vermeiden bildet sich ein Mechanismus, der sich besonders bei kleinen Kindern dann nur noch schwer ausser Kraft setzen lässt.

Dialog und Trost

„Gefährlich wird es, wenn sich das Kind in sich selbst zurückzieht“ warnt der Kinder- und Jugendpsychiater. „Der Mensch und besonders Kinder sind per Definition Wesen, die Beziehungen zu den Anderen unterhalten. Sich Zurückziehen oder gehemmte Verhaltensweisen sind kein gutes Zeichen.“ Deshalb sollten Kinder, die unter ihrer Schüchternheit leiden, Unterstützung finden. Es ist jedoch für die Kinder gar nicht einfach, mit diesem Wunsch an einen Erwachsenen heranzutreten. Das Ergebnis? Es besteht das Risiko einer Verschlimmerung der Situation und der tief greifenden Verankerung der psychischen Reflexe. Deshalb müssend die Eltern reagieren. Es ist natürlich nicht erforderlich, sofort zum Therapeuten zu laufen, die Inanspruchnahme professioneller Hilfe darf jedoch auch nicht dramatisiert werden. „Wenn ein Kind Hilfe zu brachen scheint oder die reflexhafte Beklommenheit seinen Lernprozess behindern, muss man ihm zu Hilfe kommen“ bemerkt Doktor Trojan. Schüchternheit ist weder ein Fluch noch ein Ziel an sich und kann, sobald sie identifiziert und im Familienkreis angesprochen wurde, leicht überwunden werden. Wohlwollendes Zuhören ist Ihr bestes Mittel, um dafür zu sorgen, dass Ihr Kind keine hektischen roten Flecken mehr auf den Wangen bekommt.

Eine Übung speziell für Schüchterne:

  1. Arbeiten Sie zusammen mit Ihrem Kind eine Liste von Situationen aus, die es als besonders furchteinflössend empfindet. Identifizieren Sie die einzelnen Fälle und geben Sie den Grad der Beklommenheit mit einer einfachen Zeichnung (ein trauriges Männchen, ein verängstigtes Männchen, ein neutrales Männchen usw.) an.
  2. Setzen Sie Ihr Kind nach und nach den Situationen aus, welche es fürchtet. Beginnen Sie mit den für das Kind am wenigsten furchteinflössenden Situationen und arbeiten Sie sich dann langsam zu den schwierigeren vor. Sagen Sie ihm, dass Sie im Bedarfsfall stets da sind.
  3. Beurteilen Sie die Ergebnisse gemeinsam. Vergleichen Sie die Stärke seines Angstgefühls vor und nach der Übung. Der einfache Umstand, ihnen mit der Unterstützung von Papa oder Mama ausgesetzt zu sein, sorgt dafür, dass es weniger Angst hat. Vergessen Sie nicht, das Kind für seine Anstrengungen und Fortschritte zu loben.

Mit Doktor Dante Trojan, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätskrankenhauses Genf (HUG).
Genauer gesagt ist Doktor Trojan im Centre de Taitements psychanalytiques (CTP) der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig, um den psychoanalytischen Behandlungen einen kohärenten Platz in der öffentlichen Psychiatrie zu geben. In dieser Abteilung konzentriert sich seine Arbeit auf zwei Achsen: zum einen erhält er den psychoanalytischen Ansatz in der psychotherapeutischen Klinik aufrecht und zum anderen eröffnet er den Patienten die Möglichkeit des Zugangs zu psychoanalytischen Kuren.

SLI/FBR/AllTheContent

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