CC - Flugzeug

Der Sommer kommt und mit ihm die Angst mancher Eltern, mit ihren lieben Kleinen zu verreisen. Erbrechen, Wein- und Schreianfälle: Reisen mit kleineren Kindern können schnell zu einem Alptraum werden. Einige ärztliche Ratschläge, damit alles gut geht.

Unser Organismus ist mit Sensoren gespickt, die unser Gehirn mit Informationen über unsere Bewegungen und unsere Position im Raum beliefern. Die Sicht übermittelt Informationen über das, was uns umgibt und über unsere Körperteile. Das Ohr ist auch beteiligt, da sich in seinem Innern der Vorhof befindet, Sitz des Gleichgewichtssinns. Der Vorhof besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, die in den drei Ebenen des Raumes angeordnet sind und die Informationen zur Bewegungsrichtung des Körpers liefern. Die Kanäle sind mit Hörhaaren ausgekleidet und mit einer Flüssigkeit gefüllt, in der kleine Kristalle schwimmen. Wenn die Flüssigkeit in Bewegung gerät, verändern die Kristalle ihre Lage und zeigen an, ob man sich vorwärts oder rückwärts, nach oben oder nach unten bewegt In einem Fahrzeug sind die Informationen, die von den Sensoren des Körpers, dem Innenohr und dem Auge stammen, widersprüchlicher Natur und daher rührt das Unwohlsein. Die Reisekrankheit, die auch Kinetose oder Weltraumkrankheit genannt wird, zeichnet sich durch Übelkeit aus, die bis zum Erbrechen führen kann. Ein mitunter sehr unangenehmer Zustand, vor allem für Kinder, die nicht verstehen, warum sie sich auf dem Weg in die Ferien so unwohl fühlen.

Keine Lektüre unterwegs!

Die Ärztin Melina Citraro rät davon ab, im Auto zu lesen: «Die Übelkeit wird von unterschiedlichen Signalen verursacht, die vom Innenohr stammen, das eine Bewegung erkennt, während die ins Buch vertieften Augen keine Bewegungsinformation ans Gehirn weiterleiten», erklärt die Kinderärztin. Sie empfiehlt, nach draussen zu schauen, damit sich die Augen permanent anpassen und einer Bewegung folgen können. Auf die Strasse zu schauen verhilft auch zu einer besseren Synchronisierung von Fahrempfinden und Augenbewegung. Dem Kind sollte folglich eine gute Blickposition ermöglicht werden. Die Spezialistin rät auch von allen elektronischen Spielen, Tablets und Telefonen ab, die ebenfalls das körperliche Empfinden der Unbeweglichkeit auslösen. «Die widersprüchliche Information von Ohr und Auge tut dem Kind nicht weh», erläutert Frau Doktor Citraro. «Allein die Übelkeit ist unangenehm.» Ein Medikament gegen die Reisekrankheit einzunehmen kann sich bei sehr sensiblen Kindern als recht nützlich erweisen. Die Ärztin führt weiter aus, dass «Kinder unter zwei Jahren theoretisch nicht unter der Reisekrankheit leiden, dass sie es aber gar nicht mögen, stundenlang auf ihrem Sitz angeschnallt zu bleiben.» Im Zug ist das Gefühl des Unwohlseins geringer, aber man sollte das Kind trotzdem lieber in Fahrtrichtung und neben die Fensterscheibe setzen, damit es hinausgucken kann.

Druck im Flugzeug, Druck im Ohr

In einem Flugzeug wirkt sich der Kabinendruck auf das Wohlbefinden des Kindes aus. «Hier tritt das Mittelohr auf den Plan», erklärt die Ärztin Melina Citraro. «Wenn das Kind beispielsweise eine Mittelohrentzündung hat, kann es grosse Schmerzen haben.» Die Luft im Mittelohr wird sich ausbreiten und einen Druck auf das Trommelfell ausüben. Dieser Druck kann grosse Schmerzen verursachen, vor allem beim Start und bei der Landung. Die Ärztin erklärt: «Ein Erwachsener wird spontan schlucken, damit Luft in die Eustachische Röhre bzw. Ohrtrompete gedrückt wird, die die Nase mit dem Ohr verbindet, so dass ein Druckausgleich erfolgt. Aber ein kleines Kind wird das nicht tun.» Wenn die Luft wieder richtig zirkulieren kann, nimmt der Druck auf das Trommelfell ab. Wenn das Kind erkältet ist oder eine Mittelohrentzündung hat, empfiehlt die Ärztin, die verstopfte Nase mit einem Nasenspray frei zu machen und dem Kind vor der Ankunft am Flughafen einen leichten Entzündungshemmer zu verabreichen: «Ziel ist es, die Entzündung der Nasenschleimhaut zum Abklingen zu bringen». Bei ganz kleinen Kindern sollte lieber eine Kochsalzlösung verwendet werden. Bei Start und Landung, wenn der Druck am stärksten ist, empfiehlt die Ärztin, den Säugling trinken zu lassen, damit er schluckt.

Tipps vor der Abreise

Vor jeder Reise, so empfiehlt die Ärztin, sollten Eltern mit ihren Kindern die Ruhe bewahren. Sie schlägt vor, ihnen den Reiseverlauf in einfachen Worten zu erklären. «Die Eltern wissen, wohin die Reise geht, nicht aber das Kind», betont die Kinderärztin. «Wenn man ihm sagt, ‹Beeil Dich, wir werden zu spät kommen›, wird es verstehen, ‹Wir werden den Zug verpassen, wir können nicht in den Urlaub fahren›.» Der Erwachsene muss ruhig den Ablauf der Reise erklären, dass man beispielsweise zum Bahnhof oder zum Flughafen fahren wird und dass man rechtzeitig losfahren muss, wenn man nicht u spät kommen möchte. Auf Reisen sollte man die Kinder nicht zu dick anziehen, um einem Wärmestau vorzubeugen. Säuglingen sollte man nur relativ wenig zu trinken geben, damit der Bauch nicht mit zu viel Flüssigkeit gefüllt ist und man sollte ihnen vorzugsweise feste und herzhafte Nahrung wie Zwieback oder Brot geben. «Denn Salz verringert das Gefühl von Übelkeit», erläutert die Kinderärztin. «Der Duft von Zitrusfrüchten im Übrigen auch.» Auf ausreichend Schlaf sollte auch geachtet werden, da das Kind eher früh am Morgen den Wunsch verspürt, sich zu übergeben als am Nachmittag.

Tipps, um sich die Zeit zu vertreiben
Im Auto kann man Musik- und Lieder-CDs auflegen und Spielzeug mitnehmen. Für sehr sensible Kinder gibt es Plastiklenkräder, mit denen die Kinder ihre Eltern imitieren und so dem Kurvenverlauf folgen können. Alle zwei Stunden sollte eine Pause eingelegt werden und Wechselsachen sollten auch eingepackt werden. Für Flugzeugreisen empfiehlt die Ärztin Citraro Spiele mit Aufklebern und Stickern. Das kleine Kind wird die Augen vom Blatt nehmen müssen, um seinen Sticker in ein Heft zu kleben. Wenn ein Baby weint und man bereits sichergestellt hat, dass nichts im Höschen ist und dass es keine Schmerzen hat, kann man versuchen, seine Aufmerksamkeit auf seine Umgebung zu lenken. Und im Zug sollte man dem Kind eine möglichst grosse Bewegungsfreiheit lassen. Um es zu unterhalten und die Zeit zu verkürzen, sollte eine Reihe kleinerer Aktivitäten wie Trinken, Essen, ein Spiel spielen vorgesehen werden, da die Konzentrationsfähigkeit noch nicht so ausgeprägt ist.

SDR/MJU/AllTheContent News Agency

Mit Melina Citraro, Kinderärztin in Genf
Melina Citraro hat 2006 ihre Arztpraxis in Genf eröffnet. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpädiatrie und sitzt im Ausschuss des Genfer Kinderärzte-Vereins (SGP) und des Genfer Kinderärzte Netzwerks (RPGE), dessen Ziel in der Förderung der Gesundheit der Kinder in Genf besteht durch die Aufrechterhaltung der medizinischen Pflegequalität bei Kindern im Alter von 0-18 Jahren.

Comments are closed.