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Die Hypnose wird heute in Psychotherapiepraxen, bei Zahnärzten und in Spitälern angewendet. Ein Befreiungsschlag gegen das Vorurteil vom Taschenspieler mit dem Pendel…

Ein Artikel von Sofia Rossier

Das Mysteriöse liegt in der Natur der Hypnose. Zwar weiss man, warum diese Technik wirkt, dafür tappt man noch
völlig im Dunkeln was ihre Funktionsweise angeht. Wissenschaftliche Untersuchungen, die am deutlichsten aufzeigen könnten, was im Gehirn vor sich geht, wenn der Patient hypnotisiert ist, liegen noch nicht vor. Nichtsdestotrotz hat die Hypnose für diejenigen Ärzte und Psychologen, die sie praktizieren, sowie für ihre Patienten nichts Magisches an sich. Es handelt sich um eine Methode zur Veränderung des Bewusstseinszustandes, die unter anderem eingesetzt wird, um eine Person von ihrem Schmerz oder ihrer Angst abzulenken.

Zwischen dem Bewussten und dem Unterbewussten
Die Hypnose ähnelt weder dem Wachzustand noch dem Schlaf. Es handelt sich dabei nämlich um einen veränderten Bewusstseinszustand: «Man schläft nicht während der Hypnose», erklärt Ana Maria Droz. «Dennoch ist unsere Zeitwahrnehmung verändert und der Zugriff auf das Unterbewusste erleichtert, so wie das auch während des Schlafes ist.»
Es gibt noch eine weitere Parallele, schliesslich handelt es sich bei diesen Bewusstseinszuständen um natürliche Phänomene: «Mehrmals am Tag erleben wir spontane, leichte Veränderungen des Bewusstseinszustandes», erklärt Ana Maria Droz. «So kann man sich hinter dem Steuer auf die Strasse konzentrieren, und dennoch mit den Gedanken teilweise woanders sein. Ist man an seinem Ziel angekommen, erinnert man sich oftmals nicht mehr daran, an welchen Orten man vorbeigefahren ist. Und dennoch ist man den richtigen Weg gefahren, hat auf die Fussgänger geachtet und bei Rot angehalten. In diesem Fall ist der Fahrer weder bewusstlos noch schlafend, sondern in einem Zustand, der an Hypnose grenzt. Gleiches gilt für einen Studenten, der während einer Vorlesung gedanklich abschweift. Dennoch wird er wissen, was der Professor vortrug, auch wenn er während dieser sprach an etwas anderes dachte.»
Im medizinischen Rahmen führt man den Zustand der Hypnose absichtlich zu therapeutischen Zwecken herbei. Man kann den Patienten auch in Autohypnose schulen, damit er darauf zugreifen kann, ohne auf die Hilfe eines Psychologen oder Psychiaters angewiesen zu sein.

Ein medizinisches Werkzeug
Die Techniken, die heutzutage von den Medizinern und Psychologen eingesetzt werden, basieren in der Regel auf der Methode von Milton H. Erickson. Dieser amerikanische Psychiater und Psychologe machte die Hypnose zu einem medizinischen Werkzeug (man spricht übrigens von «Ericksonschen Techniken»): «Sigmund Freud nutzte die Hypnose zu Beginn seiner Tätigkeit, entschied sich später aber dafür, sie zugunsten der Psychoanalyse aufzugeben», erläutert Ana Maria Droz. «Seiner Meinung nach war es wirkungsvoller, den Patienten sprechen zu lassen, mittels der Psychoanalyse die Verbindung zwischen den verschiedenen Aspekten herzustellen und bewusst zu machen, was im Unterbewussten schlummerte. Bei der Hypnose handelt es um eine althergebrachte therapeutische Technik, die in Vergessenheit geraten war, bis ihr die Arbeiten von Erickson, die sie dem Zeitgeist der späten 1940er-Jahre anpassten, zu einer Renaissance verholfen haben.»
Milton H. Erickson entwickelte eine nicht-direktive Methode, mit der die hypnotisierte Person begleitet wird. Der Therapeut gibt dem Patienten keine Befehle «Ihre Lider werden schwer». Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, dem Patienten dabei zu helfen, zu begreifen, was er fühlt. Man sagt also eher: «Sie spüren, wie Ihre Lider schwer werden.» «Die nicht-direktive Hypnose ermöglicht es, mit seinem Unterbewusstsein in Kontakt zu treten, und so seine Phobien oder Schmerzen beherrschbar zu machen», präzisiert Ana Maria Droz. «Der Therapeut bittet den Patienten darum, an etwas zu denken, was er mag, um die Hypnose zu vertiefen. Standardabläufe gibt es indes nicht. Jede Hypnosesitzung ist so individuell wie der jeweilige Patient.»

Eine interdisziplinäre Therapie
Heutzutage wird die Hypnose in verschiedenen Situationen eingesetzt: als Schmerztherapie, zur Bewältigung von Phobien, Ticks, sexuellen Problemen oder auch zur Behandlung von chronischen oder akuten Schmerzen, Migräne oder Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung. «Es gibt Menschen, die nach einem Überfall auf offener Strasse sich nicht mehr aus dem Haus wagen», erklärt Ana Maria Droz. «In solchen Fällen können einige Hypnosesitzungen dabei helfen, die Angst beherrschbar zu machen. Dafür macht es keinen Sinn, einen Hypnotherapeuten aufzusuchen, mit dem Ziel, sich Ereignisse aus der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, wie zum Beispiel das Gesicht des Angreifers. Das, was im Unterbewussten abgespeichert ist, entspricht nicht unbedingt der Realität. Es kann auch aus Träumen oder unterschwelligen Wahrnehmungen stammen.»
Hypnose wird nicht ausschliesslich im psychotherapeutischen Rahmen eingesetzt. Anästhesisten setzen die Hypnose auch anstelle einer medikamentösen Betäubung ein.
Auch Zahnärzte greifen darauf zurück, zumal die Entspannung wesentlich angenehmer ist, als der Pieks ins Zahnfleisch und der halbseitig gelähmte Mund. In Zentren für Schwerbrandverletzte wird sie bei den extrem schmerzhaften Verbandswechseln eingesetzt. In der Kinderheilkunde hilft sie auch dabei, den kleinen schwerkranken Patienten (Krebs) die grosse Angst, meistens vor einer Spritze, zu nehmen.
Sowohl in der Psychologie als auch in der Medizin wird die Hypnose punktuell eingesetzt: «Es ist höchst selten, dass eine Psychotherapie mit einer Hypnosesitzung beginnt, selbst wenn es darum geht, einen Tick loszuwerden», erläutert Ana Maria Droz. «Zunächst nimmt man eine Einschätzung des Patienten vor, anschliessend kann man eine Hypnose als einen Teil der Behandlung in Betracht ziehen.» Hypnose deckt ein breites Spektrum ab und kann bei Bedarf fokussiert eingesetzt werden. Sie ist zudem eine wirksame und darüber hinaus natürliche Therapieform. So gesehen, haben Mysterien ihr Gutes.

/Bio/
Mit der Psychologin und Psychotherapeutin (FSP) Ana Maria Droz
Die gebürtige Argentinierin Ana Maria Droz hat ihr Studium in Buenos Aires begonnen. 1967 kam sie in die Schweiz, um bei Jean Piaget zu studieren. Da sie sich für die Psychoanalyse interessierte, spezialisierte sie sich anschliessend auf die psychoanalytische Psychotherapie. Sie erlernte zudem die Einsatzmöglichkeiten der Hypnose im psychotherapeutischen Bereich sowie im Bereich der Behandlung von posttraumatischen Zuständen. Nach 30 Jahren, in denen sie für diverse klinische Einrichtungen tätig war, praktiziert sie inzwischen ausschliesslich in ihrer Privatpraxis. Ana Maria Droz ist ordentliches Mitglied der FSP (Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen) sowie der GHYPS (Gesellschaft für klinische Hypnose Schweiz).

© Flickr.com – Frettchen

SDR/SDR/AllTheContent News Agency

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