Gluten ist zum Feindbild Nummer Eins avanciert, Ursache allen Übels. Von diesem Protein freie Produkte stehen massenhaft in den Regalen unserer Supermärkte und ein Essen im Freundeskreis vorzubereiten ist eine schier unlösbare Aufgabe. Und das ist noch nicht alles, denn Diätfans unterschiedlicher Couleur schwören nunmehr nur noch auf diese neue Ernährungsgewohnheit. Nur eine Modeerscheinung oder eine wirklich gute Idee? Diese Frage steht im Raum.

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Gluten ist ein Protein, das in vielen Weizen- und Getreideprodukten steckt. Dieser Inhaltsstoff ist weit verbreitet, da er das Mehl bindet und den Lebensmittelzubereitungen Konsistenz verleiht. Folglich ist es schwierig, sich ohne Gluten zu ernähren, wie die immer zahlreicheren Glutenfrei-Anhänger feststellen mussten: «Die Zahl an Erkrankungen im Zusammenhang mit Gluten ist in letzter Zeit in die Höhe geschnellt», stellt Doktor Philippe Eigenmann fest. «Allerdings muss man wissen, dass es sich oftmals nicht um eine Allergie, sondern um ein Problem bei der Verdauung dieses Proteins handelt.» Hier gilt es daher, zwischen drei Arten von Reaktionen zu unterscheiden, die man nach der Aufnahme von Gluten entwickeln kann. Die erste und schwerwiegendste Reaktion ist die Allergie. Diese kann zu Hautausschlag, Verdauungsschmerzen und Atembeschwerden führen. Die zweite Reaktion betrifft die Zöliakie, die mit den Symptomen Bauchschmerzen, Diarrhöe und Resorptionsstörungen einhergeht. Die dritte und häufigste Reaktion ist die Nicht-Zöliakie-bedingte Glutenintoleranz. Menschen mit diesem Krankheitsbild leiden unter anderem unter Bauchschmerzen, Verdauungsproblemen sowie Schlafstörungen, abnormer Müdigkeit und Gelenkschmerzen.

Reduzieren, aber nicht stoppen!

Bei Nicht-Zöliakie-bedingter Glutenintoleranz ist Geduld die beste Medizin. Wenn die betroffenen Personen feststellen, dass sie sich fitter fühlen, wenn sie auf weizenhaltige Lebensmittel verzichten, sollten sie nicht sofort drastische Massnahmen ergreifen: «Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, empfiehlt es sich, die Glutenaufnahme zu reduzieren, Veränderungen zu experimentieren, indem Gluten in kleiner Menge wieder in den Speiseplan aufgenommen wird. Vor allem aber sollte nicht komplett auf Gluten verzichtet werden», warnt der Allergologe. «Wenn man mit einer glutenfreien Diät beginnt, ist man langfristig gesehen schlechter in der Lage, Nahrungsmittel mit diesem Protein zu vertragen. Man darf nicht vergessen, dass unser Körper in Zyklen funktioniert. Diese Unverträglichkeit kann deshalb je nach dem Grad der Empfindlichkeit unseres Darms kommen und gehen. Beispielsweise kann die Unverträglichkeit nach einer Gastroenteritis sehr hoch sein.» Vorsicht bei solchen Zufällen!

Nahrungsmittel, die Gluten enthalten:

  • Brot, Mehl und alle Getreideprodukte (Weizen, Hafer, Gerste, Roggen).
  • Nudeln und alle Spielarten wie Gnocchis oder Lasagne.
  • Pizza, Blätterteig, Paniermehl.
  • Backwaren, Kekse, Kuchen, Milchdesserts sowie Fertiggerichte, die dieses Protein in grosser Menge enthalten.
  • Fertigsaucen und -gewürze sind aufgrund der Verdickungsmittel in den Zubereitungen ebenfalls Glutenfallen.

Tests durchführen

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Wenn die Beschwerden bestehen bleiben und um Klarheit zu schaffen, können Bluttests zusammen mit Biopsien feststellen, ob es sich um eine Allergie oder eine Zöliakie handelt. Für Personen mit Nicht-Zöliakie-bedingter Glutenintoleranz gibt es keine Screening-Methoden. Nur das Auftreten und Verschwinden der Symptome kann den Kranken auf die richtige Spur bringen. Eine den Patienten gut bekannte Praxis: «Die Leute haben nicht den Reflex, zum Allergologen oder Facharzt zu gehen», stellt Doktor Eigenmann fest. «Sie informieren sich in den Medien oder im Bekanntenkreis. Mitunter machen Sie einen Test. Generell gesehen können sie gut zwischen Allergie und Unwohlsein unterscheiden.» In diesem Fall ist der Patient selbst sein bester Arzt, indem er in seinen Körper hineinhört, um herauszufinden, was für ihn am besten ist.

Eine Modeerscheinung

Seit kurzem kann ein neuer Trend beobachtet werden, der von Prominenten oder Sportlern wie beispielsweise der Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste Novak Djokovic verstärkt wird, da diese im Rampenlicht stehenden Persönlichkeiten für eine glutenfreie Ernährung schwärmen. Mehr eine List als ein Erfolgsrezept: «Eine glutenfreie Ernährung ist für einen Spitzensportler nicht unabdingbar», meint Doktor Eigenmann. «Eine solche Ernährung wird die sportlichen Leistungen nicht verbessern. Gluten hat einfach das Profil des idealen Schuldigen. Es wird als Quell allen Übels bezeichnet. Auf dieses Protein wird mit dem Finger gezeigt, es wird für eine schlechte Leistung, ein hyperaktives Verhalten oder einen gestörten Schlaf verantwortlich gemacht. Oftmals hören die Leute dann auf, Gluten zu essen und fühlen sich besser. In Wirklichkeit handelt es sich meistens um einen Placebo-Effekt.» Zumal diese Massnahme nicht die tägliche Kalorienzufuhr drosselt, da die angebotenen Ersatzlebensmittel Reis- oder Maismehl verwenden. Es besteht somit nicht die Gefahr von Mangelerscheinungen, wenn man auf eine ausgewogene Ernährung achtet. Allerdings kann das Unwohlsein anderen Ursprungs sein: «Eine zu strenge Diät kann zu sozialen Brüchen führen, da sie das Leben ihrer Anhänger verkompliziert», räumt der Facharzt ein. «So wird das Kind einer glutenfrei lebenden Familie beispielsweise Probleme in der Schulkantine oder bei Geburtstagspartys haben.» Eine Modeerscheinung oder eine Lebensentscheidung, die ganz und gar nicht unbedeutend ist.

SDR/JBA/AllTheContent News Agency

Mit Herrn Doktor Philippe Eigenmann, Kinderarzt und Spezialist für Lebensmittelallergien am Universitätskrankenhaus in Genf (HUG)
Doktor Philippe Eigenmann ist Kinderarzt und Leiter der Pädiatrischen Allergologie am Universitätskrankenhaus in Genf (HUG). Dieser Facharzt für Lebensmittelallergien hat das erste akademische Forschungs- und Lehrprogramm für Pädiatrische Allergologie in der Schweiz ins Leben gerufen.

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