Als Harninkontinenz wird der unkontrollierbare und unwillkürliche Verlust von Urin bezeichnet. Hierbei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom, das oftmals mit einer körperlichen Störung einhergeht. Für Frauen steht eine nicht chemische Behandlungsmethode als Ergänzung zu den Sitzungen der Physiotherapie zur Verfügung: die Elektrostimulation. Erklärungen mit der Physiotherapeutin Caroline Lara, die sich auf den Becken- und Dammbereich spezialisiert hat.

Wie kann eine physiotherapeutische Behandlung die Inkontinenz beheben?
Caroline Lara: Die physiotherapeutische Behandlung ermöglicht in einem ersten Schritt, sich der Muskulatur des Beckenbodens bewusst zu werden. Im Anschluss daran unterstützen spezielle Übungen die Stärkung dieser Muskulatur. Der Physiotherapeut arbeitet parallel dazu auf dem Gebiet der Verhaltensweisen, der Erziehung, der Art und Weise des Stuhlgangs, des richtigen Atem-Managements, der Körperhaltung oder der Lebensführung.

Worin besteht die Behandlung per Elektrostimulation?
C. L.: Das Prinzip der Elektrostimulation der perinealen Muskulatur beruht auf der Verwendung von Mikroimpulsen, die in gewisser Weise die Nervensignale imitieren. Wie beim Gehirn, das die Muskeln über die Nervenbahnen steuert, so ist das Stimulationsgerät für das perineale Training in der Lage, die Nervenzellen zu steuern, die die Kontraktion der perinealen Muskulatur ermöglichen. Das einfach zu bedienende Gerät ähnelt einer Fernbedienung, die mit einer kleinen Vaginalsonde verbunden ist, die je nach gewählter Intensität vibriert. Die Patientin spannt bei Impuls bewusst die Dammmuskeln an. Nach einigen Sitzungen in der Praxis, wo die therapeutische Einweisung vorrangig ist, kann die Patientin das Stimulationsgerät selbständig zu Hause anwenden.

Seit wann und warum verwenden Sie die Elektrostimulation für Ihre Patientinnen?
C. L.: Sie ist eine Hilfe für die Bewusstwerdung, wenn sie für die Patientin schwierig ist, und ermöglicht eine intensivere Arbeit an der Muskulatur. Die beste Wirkung erzielt die Elektrostimulation, wenn diese Technik mit einem kompletten Rehabilitationsprogramm einhergeht (Bewusstwerdung, aktive Muskelarbeit des Perineums, Biofeedback, Heimanwendung), in das sie sich nahtlos einreiht.

Wie sehen die Vorteile einer solchen Behandlung aus?
C. L.: Die Möglichkeit, ein Gerät auszuleihen, das leicht zu bedienen ist, ermuntert dazu, die täglichen Übungen durchzuführen. Die Elektrostimulation in Verbindung mit der bewussten Muskelanspannung steigert optimal die Muskelkräftigung.

Gibt es heute ein geeignetes Mittel für die Behandlung der Inkontinenz?
C. L.: Ja, die Elektrostimulation stellt eine gute Ergänzung für die Techniken dar, die spezialisierte Physiotherapeuten für diese therapeutische Behandlung in ihrem Repertoire haben. Für ein optimiertes Ergebnis muss die Patientin die Übungen, die sie in den Behandlungssitzungen durchführt, zu Hause fortsetzen.

Ist es schwierig, dieses Thema mit einer Patientin anzusprechen oder wird die Methode vielmehr positiv aufgenommen?
C. L.: Obwohl eine Vielzahl an Frauen betroffen ist, ist die Inkontinenz doch immer noch ein Tabuthema. Beschämendes oder schuldiges Schweigen umgibt die Blasenschwäche, die negative Assoziationen heraufbeschwört. Obwohl diese Störung ja nicht schicksalhaft hingenommen werden muss, es gibt ja Behandlungsmöglichkeiten! Erklärung und Einweisung sind im Hinblick auf die Elektrostimulation unerlässlich. Die Bedienung des Geräts und der Sonde müssen richtig verstanden werden. Es ist wichtig, dass die Patientin voll und ganz hinter der Behandlung steht, damit diese wirksam ist.

Bestehen Gegenanzeigen?
C. L.: Das Tragen eines implantierten elektronischen Geräts vom Typ Pacemaker, Schwangerschaft und weitere Gegenanzeigen im Zusammenhang mit bestimmten Formen der Inkontinenz, neurologische Erkrankungen, psychische Störungen schliessen einen optimalen und sicheren Gebrauch des Geräts aus.

Werden die Kosten für das Gerät von der Krankengrundversicherung erstattet?
C. L.: Der Arzt verschreibt die Miete eines Geräts vom Typ TENS für die urogynäkologische Therapie. Diese Miete kann in Höhe von 1,30 CHF pro Tag von der Krankenversicherung im Rahmen der TENS-Therapie erstattet werden. Der Patient schickt die Verordnung seiner Krankenversicherung.

Kann man die Elektrostimulation verwenden, um andere Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane zu behandeln?
C. L.: Ja, bei Stuhlinkontinenz und Beckenschmerzen beispielsweise. Bestimmte Geräte wie beispielsweise das System Cefar Peristim Pro, das von DJO Global vermietet wird, haben den Vorteil, mehrere Programme für verschiedene Erkrankungen anzubieten.

SLI/SDR/AllTheContent News Agency

Mit Caroline Lara, Physiotherapeutin, Unternehmen A à Zen Physio Sàrl in La Chaux-de-Fonds
Die Physiotherapeutin Caroline Lara, die 2005 ihren Abschluss gemacht hat und Mitglied des Schweizerischen Physiotherapieverbandes für Urogenitale Rehabilitation Aspug – Association suisse des physiothérapeutes spécialisés en urogynécologie et pélvi-périnéologie – ist, hat 2009 eine Grundausbildung im Bereich der perinealen Rehabilitation absolviert und im Anschluss daran verschiedene weitere Ausbildungen auf den Gebieten der perinealen Rehabilitation bei Männern, der Rehabilitation in der Pädiatrie, der anorektalen Rehabilitation oder auch der Beckenschmerzen abgeschlossen. Nachdem Sie im Krankenhaus tätig war, hat sie sich in einer Privatpraxis niedergelassen und arbeitet überwiegend mit Gynäkologen, Proktologen und Urologen zusammen.

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