Nach Erreichen des Rentenalters fallen viele ältere Personen in eine Depression. Ein Risiko, das mit den Jahren zunimmt und dessen Ursache in einer Vielzahl von Faktoren zu suchen ist. Entschlüsselung eines Phänomens, das weitaus komplexer ist als es zunächst erscheint.

Unsere älteren Mitmenschen betonen es immer wieder: Altwerden ist kein Zuckerschlecken! Es beginnt mit einigen Falten, in der Haarpracht flimmern die ersten grauen bzw. weissen Haare und dann, nach und nach, fehlt es immer mehr an Energie, die Gesundheit wird schwächer. Was man in der Vergangenheit schaffte, wird schwierig bis unmöglich und das, obwohl sich auf mentaler Ebene scheinbar nichts geändert hat. Auch die Pensionierung kann sich bei manchen Personen nachteilig auswirken, da sie plötzlich mit einer zwischenmenschlichen und/oder beruflichen bzw. beschäftigungstechnischen Leere konfrontiert sind, auf die sie nicht (oder schlecht) vorbereitet waren. Ein schwerwiegender, manchmal brutaler Schnitt, der weh tut – sowohl körperlich als auch moralisch. So liegt die Prävalenz der Depression bei den Personen 65+ bei rund 15%.

Die Ursachen stehen meist im Zusammenhang

Die Somatisierung, d.h. der körperliche Ausdruck psychischen Leidens, ist einer der Hauptfaktoren für eine Depression im Alter. Der Verstand ist klar, aber der Körper kommt nicht mehr nach. Als Reaktion auf diesen Widerspruch treten Schmerzen in kleinerem Ausmass auf, die sich mit der Zeit zu einem Dauerzustand entwickeln. Die Betroffenen werden reizbar, aggressiv bis cholerisch. Nach und nach konzentrieren sie sich auf sich selbst, denken permanent an ihren Körper und dessen Verfall. So kommt es zu einem leicht depressiven Zustand, der zwar nicht mit einer echten Depression zu verwechseln ist, der jedoch zu einer solchen führen kann, wenn man nicht aufpasst. Die Verringerung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten ist eine der Ursachen, die zu einer Depression führen können, sie ist jedoch bei Weitem nicht die einzige. «Die Depression im Alter kann sowohl endogen – in Zusammenhang mit der Funktion des Nervensystems – als auch exogen bedingt oder das Resultat einer Kombination der beiden sein», erklärt Jean-Christophe Berger, Psychotherapeut. «Krankheit, Trauer und soziale Ausgliederung sind die wichtigsten Faktoren einer sog. Altersdepression, aber auch die Verschlechterung der finanziellen Situation sowie die zwiespältige Position, in die unsere Gesellschaft die als alt geltenden Personen drängt, können ebenfalls als Auslöser agieren.»

Leicht deprimiert oder schwere Depression

Unwohlsein kann sich auf sehr viele und unterschiedliche Arten ausdrücken. Angesichts dessen ist es für Familien nicht immer einfach bei ihren ins Alter gekommenen Angehörigen eine Depression zu erkennen. Heute werden schätzungsweise 60% bis 70% der depressiven Zustände älterer Menschen vernachlässigt, nicht erkannt oder schlecht behandelt, insbesondere gilt dies für sehr alte Personen. «Isolation, sozialer Rückzug, die Angst zu stören, Abnahme von Interesse und brachliegende Libido sind weitere potenzielle Anzeichen einer Depression.», erklärt der Psychologe. «Es ist ferner festzustellen, dass die Mehrheit der Patientinnen und Patienten an einer generalisierten Angststörung leidet, welche sich zu einer Depression entwickeln kann.» Treten parallel mehrere Symptome auf, zu denen auch anhaltende Schlafstörungen, Appetitverlust, das Gefühl der Minderwertigkeit bzw. sehr düstere Gedanken gehören, ist dies ein Warnhinweis und die der Person Nahestehenden sollten sofort alarmiert sein. «Es ist wichtig, diesbezüglich sensibel zu sein, denn das Selbstmordrisiko steigt mit zunehmendem Alter. Es existieren zahlreiche Vereinigungen, die sich der Unterstützung der 65+ widmen, und es sollte auf keinen Fall gezögert werden, sich bei Schwierigkeiten an diese Organisationen zu wenden.»

Erleichterung für Seele und Körper

Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Schlaflosigkeit mit Anxiolytika oder Hypnotika zu behandeln ist jedoch nicht immer die Lösung. Notwendig ist, den Menschen als Ganzes zu sehen, als eine Einheit von Körper und Geist und es gilt genau diesen körperlichen und seelischen Schmerz gleichzeitig zu behandeln. Dazu gehören das echte Interesse am Patienten bzw. an der Patientin, seiner bzw. ihrer Umgebung, dem sozialen Umfeld, Freunden und Familie, seinen bzw. ihren Vorlieben und Wünschen usw. «Jede Person hat ihre ureigenen Erfahrungen und Erlebnisse, einschliesslich Traumata oder Verletzungen, die manchmal das ganze Leben lang unterdrückt, im Dunkel gelassen wurden», erklärt der Psychotherapeut, «und nun, da endlich eine Zeit der Ruhe und Entspannung eintreten sollte, kommen all diese Verletzungen und das Verschwiegene plötzlich ans Licht und lösen Depressionen aus.» Die therapeutische Betreuung bietet Patienten die Möglichkeit diese emotionalen Barrieren zu überwinden, ist jedoch vor allem aufgrund des hohen Rückfallrisikos äusserst delikat. Glücklicherweise existieren spezifische Therapien, wie die von Jean-Christophe Berger praktizierte Mindfulness, dank welcher dieses Risiko limitiert werden kann: «In Verbindung mit kognitiven Verhaltenstherapien, die insbesondere bei Depressionen angebracht sind, ermöglicht die Mindfulness (Anm.: eine achtsamkeitsbasierte Therapie) Stress bei den Patienten zu reduzieren und das Rückfallrisiko zu limitieren.»

Einfache Freuden und Geselligkeit

Angesichts der altersbedingten Veränderungen, sollte man sich folgende Fragen stellen: Wer bin ich? Was mag ich? Wozu habe ich Lust? Ebenso gilt es zu lernen, sich auch sehr kurzfristig Freude zu bereiten, z. B. einen Ausgang mit der Familie oder Freunden planen. Aus dem Haus gehen und auf andere zugehen ist eine gute Möglichkeit, der Einsamkeit, Langeweile und dem Schwermütigkeit zu entgehen. Zahlreiche Organisationen und Vereine setzen sich dafür ein, alte Menschen aus der Isolation zu führen. Sie bieten eine Vielzahl von Beschäftigungen, auch generationsübergreifend, an: Besuche von Kulturstätten, Ausflüge, Konferenzen und Vorlesungen, kreative Aktivitäten und vieles mehr.

Bibliografie:
Thomas, Philippe und Cyril Hazif-Thomas. «Les nouvelles approches de la dépression de la personne âgée», Gérontologie et société, Vol. 31 / 126, Nr. 3, 2008, Seite 141-155.

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Mit Jean-Christophe Berger, Psychologe mit Spezialisation auf die Psychotherapie FSP, in Neuenburg
Seit vielen Jahren an Meditationstechniken interessiert, ist er Inhaber eines Masterdiploms, eines DESS-Diploms in klinischer Psychologie und eines Titels der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) für das Fachgebiet Psychotherapie. Therapeut im Bereich kognitiver Verhaltenstherapie (ASPCo), Hypnose (SMSH/SHyps) und vom Fachverband EMDR anerkannt für Behandlungen in einer Privatpraxis oder einer Institution. Weiterbildung im Bereich Mindfulness im Genfer Universitätsspital im Rahmen des Schweizerischen Vereins für kognitive Psychotherapie ASPCo.

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