700’000 Tote pro Jahr aktuell und rund 10 Millionen im Jahr 2050: Die Antibiotikaresistenz ist zu einem grossen, umfassenden und weltweiten Problem des öffentlichen Gesundheitswesens geworden. Und dabei waren Antibiotika «die» medizinische Revolution des 20. Jahrhunderts schlechthin, wie konnte es da zu dieser Entwicklung kommen und warum sind die Bakterien resistent geworden? Bestandsaufnahme und Fokus auf das föderale Programm zur Antibiotikaresistenz in der Schweiz.

Unter Antibiotikaresistenz versteht man die Fähigkeit von Mikroorganismen, unempfindlich gegenüber antimikrobiellen Mitteln zu werden. Ein Beispiel hierfür sind Resistenzen von Bakterien gegenüber Antibiotika, also Substanzen, die die Fähigkeit besitzen, sie abzutöten oder ihr Wachstum zu hemmen. Antibiotika werden heute überall – mitunter auch missbräuchlich – eingesetzt, sei es für die Behandlung von Winterkrankheiten, zur Vorbeugung von postoperativen Infektionen oder bei der Tierfütterung. Angesichts dieser Allgegenwart von Antibiotika haben sich die Bakterien angepasst und Mechanismen entwickelt, um dem Angriff durch Antibiotika zu widerstehen.

Kurzer Überblick über Antibiotika … und die Antibiotikaresistenz

Und dabei hatte alles so gut angefangen. 1877 stellt Louis Pasteur fest, dass das Wachstum von Kulturen von Bacillus anthracis in Gegenwart von Schimmelpilzen gehemmt wird. 1928 isoliert Alexander Fleming, der 1945 den Nobelpreis für Medizin erhält, den Wirkstoff Penicillin, nachdem er beobachtet hatte, dass sich in Gegenwart von Schimmelpilzen vom Typ Penicillium notatum keine Staphylokokken bilden. Es folgt eine gute Zeit: industrielle Produktion von Penicillin, sehr nützlich in Kriegszeiten, um verletzte Soldaten zu behandeln, 1944 Entdeckung von Streptomycin, das gegen das Koch-Bazillus wirksam ist, den Erreger der Tuberkulose, in den 50er Jahren Entwicklung von Tetracyclinen und Makroliden, im Jahr 1962 von Quinolonen, im Jahr 1980 von Fluorquinolonen … Die natürlichen oder synthetischen Antibiotika sind je nach Wirkspektrum in Familien unterteilt, man spricht ebenfalls von Antibiotika der 1., 2. oder 3. Generation oder auch der «letzten Linie». Zwar haben Antibiotika, die seit dem Zweiten Weltkrieg breite Anwendung finden, dazu beigetragen, die Sterblichkeitsrate aufgrund von Infektionskrankheiten beträchtlich zu senken, doch die Kehrseite der Medaille ist die Antibiotikaresistenz. Einige Bakterien sind von Natur aus gegen bestimmte Antibiotika resistent, aber die Entwicklung erworbener Resistenzen – durch die genetische Mutation der Bakterien beispielsweise – ist äusserst besorgniserregend. Dieses zunächst punktuelle Phänomen ist globaler geworden und einige Bakterien sind multiresistent gegen mehrere Antibiotika oder sogar panresistent (resistent gegen alle gängigen Antibiotika).

Beunruhigende Zahlen

2014 sind in Europa über 50% der isolierten Stämme von Escherichia coli gegen mindestens ein Antibiotikum resistent geworden, darunter Cephalosporine der 3. Generation. In der Schweiz ist der Anteil der gegen Breitband-Cephalosporine resistenten E. coli zwischen 2004 und 2016 um das 12fache gestiegen, der Anteil an Klebsiella pneumoniae um das 6fache, allerdings ist der Anteil der Methicillin-resistentenStaphylococcus aureus um ein Drittel zurückgegangen. In Europa sterben jedes Jahr 25’000 Menschen aufgrund der Antibiotikaresistenz. Und für das Jahr 2050 werden 10 Millionen Tote pro Jahr weltweit erwartet – gegenwärtig sind es 700’000 –, das sind mehr Tote als durch Krebskrankheiten. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind allerdings hoch, aber die Antibiotikaresistenz steigt unaufhaltsam, während die Verabreichung von Antibiotika sehr hoch bleibt. Laut Bericht des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen Anresis aus dem Jahr 2016, ist in den Schweizer Akutspitälern die Verabreichung von Antibiotika zur systemischen Anwendung für jeweils 100 Spitaltage zwischen 2004 und 2015 um 36% gestiegen. Im Vergleich dazu ist die Menge der vertriebenen Antibiotika für die Veterinärmedizin zwischen 2008 und 2015 um 40% zurückgegangen.
Die mikrobielle Resistenz ist tatsächlich ein «virales» Phänomen: Die Bakterien, die beim Tier resistent geworden sind, dessen Ernährung mit Antibiotika supplementiert wird (aus Gründen der Prophylaxe, aber auch des Ertrags), kontaminieren die Pflanzen über die Düngemittel; Patienten und Pflegepersonal übertragen diese Bakterien über die Hände, wenn diese unzureichend gewaschen wurden; der internationale Reiseverkehr vervielfacht die Ausbreitung … Der Kampf gegen die Antibiotikaresistenz erfordert deshalb ein globales Bewusstsein für das Problem und eine Weiterentwicklung der Praktiken in der Medizin, aber auch im Umweltschutz und in der Landwirtschaft: diesen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz nennt man «One Health». Noch alarmierender wird die Situation durch ein weiteres Problem, den Mangel an neuen Antibiotika …

Nationale Aktionsprogramme und allgemeine Mobilisierung

Die Initiativen nehmen angesichts der Bedrohung zu: internationale Woche und Europäischer Tag der Sensibilisierung für die Antibiotikaresistenz, internationale Programme zur Förderung der Forschung, nationale Aktionsprogramme. Die WHO hat so im November 2016 einen neuen Leitfaden der guten Praktiken zur Vorbeugung der Antibiotikaresistenz herausgegeben, während sich die UN-Konferenz im letzten September diesem Thema widmete. 2006 hat Europa die Verwendung von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger bei Tieren verboten. 2012 hat die gemeinsame öffentlich-private Unternehmung Innovative Medicine Initiative der Europäischen Union und der Europäischen Assoziation der Pharmazeutischen Industrie die Antibiotikaresistenz mit dem 700 Milliarden Euro schweren Programm «New Drugs for Bad Bugs» zu einem ihrer Schwerpunktthemen erhoben. Am 18. November 2015 hat die Schweiz ihre Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) ins Leben gerufen, die auf dem Ansatz «One Health» basiert und acht Handlungsfelder und 35 Massnahmen beinhaltet. Prävention, rationaler Einsatz von Antibiotika, Forschung und Entwicklung, Zusammenarbeit, Information und Ausbildung sind nur einige der Arbeitsfelder der StAR, die die Humanmedizin, die Tiermedizin, Landwirtschaft und Umwelt gleichermassen betrifft. Diese Massnahmen sind notwendig, um einem Phänomen entgegenzuwirken, das schon morgen die kleinste Operation hoch gefährlich und jede Transplantation oder Chemotherapie gar unmöglich werden lässt.

3 Fragen an Karin Waefler, Projektleiterin der Nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen in der Schweiz beim Bundesamt für Gesundheit

Karin Waefler ist heute Projektleiterin der StAR beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Zuvor war diese ausgebildete Biologin mit der Unterrichtung der Öffentlichkeit zu Transplantationen und Organspenden beim BAG betraut, arbeitete aber auch als Geschäftsführerin eines Spin-offs der Berner Fachhochschule und als Gymnasiallehrerin.

Welches sind die Schwerpunkte der Nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR)?
Karin Waefler: StAR legt die Aktionsbereiche, die angestrebten Ziele und zu treffenden Massnahmen fest. Die Überwachung der Verwendung – und des rationellen Einsatzes – von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin und die Erfassung von präzisen Daten stellen die Grundpfeiler der Strategie dar, die von gezielten Massnahmen in Krankenhäusern, Arzt- und Tierarztpraxen oder Landwirtschaftsbetrieben flankiert werden. Die Stärkung der Prävention durch Vermeidung von Infektionen, vor allem über Hygienemassnahmen in Krankenhäusern oder in der Tierhaltung, sowie die Verbesserung der kontinuierlichen Ausbildung des medizinischen Fachpersonals und die Unterrichtung der Bevölkerung sind ebenfalls Herzstücke unseres Programms.

Wie sieht ein Jahr nach dem Start Ihre erste Bilanz aus?
K. W.: Rund zwei Drittel der 35 Massnahmen der Strategie StAR wurden mit Unterstützung der Bundesämter für Gesundheit (BAG), Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (LSVW), Landwirtschaft (BLW), Umwelt (BAFU) und in Zusammenarbeit mit den betroffenen Akteuren eingeführt. Erfassung der häufigsten Resistenzen und Veröffentlichung der Daten in einem Gesamtbericht, Benennung eines gemeinschaftlichen Referenzlabors, Erarbeitung von Leitlinien zum rationellen Einsatz von Antibiotika in der Chirurgie, der Notfallmedizin und der Veterinärmedizin, Beschränkung des Einsatzes von Antibiotika ausschliesslich für kranke Tiere, sind nur einige der ersten Punkte, die bereits umgesetzt wurden.

Welchen grossen Herausforderungen müssen wir uns in den nächsten 5 Jahren stellen?
K. W.: Sie sind zahlreich, aber wir können bereits einige vorrangige Ziele nennen: Wir müssen über eine erstklassige und vollständige Datenbank verfügen, die die Ergreifung gezielter Massnahmen ermöglicht, wir müssen eine sparsame und angemessene Verwendung der Antibiotika erreichen, um die Entwicklung zusätzlicher Resistenzen zu vermeiden und die Forschung unterstützen, um das therapeutische Arsenal zu erneuern. Die notwendige Voraussetzung für den Erfolg der Strategie StAR liegt in der Bündelung der Bemühungen und dem Zusammenschluss der Akteure in der Schweiz, um gemeinsam und an allen Fronten zu kämpfen. Dies gilt auch international, denn die Globalisierung ist ebenfalls für die Ausbreitung der Resistenzen verantwortlich.

SLI/AFOs/AllTheContent News Agency

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