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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) qualifiziert Fettleibigkeit als eine «nicht-infektiöse Epidemie». 2016 waren weltweit 18% der jungen Menschen übergewichtig oder fettleibig, d. d. vier Mal so viele wie 1975. In der Schweiz leiden 16,4% der Kinder und Jugendlichen an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Welches sind die mit dieser Krankheit verbundenen Risiken und wie kann ihr am bestens vorgebeugt werden?

Ursachen der Fettleibigkeit bei Kindern

Die veränderte Lebensweise in unseren Gesellschaften haben Verhaltensweisen mit sich gebracht, welche die Gewichtszunahme bei Kindern favorisieren. Fehlende körperliche Aktivitäten, unausgewogene Ernährung, Stress und fehlende bzw. mangelhafte Familienbanden bewirken, dass Kinder zunehmen. «Essen wird heute ausschliesslich als Vergnügen angesehen und nicht als eine tägliche Routine, bei der darum geht, die ernährungstechnischen Bedürfnisse seines Organismus zu befriedigen», sagt Patrik Leconte, Ernährungswissenschaftler in Genf und Lausanne. Wird dieses neue Paradigma mit fehlender Bewegung gekoppelt, nehmen Kinder schnell zu. Sie gehen gerade einmal zwei Stunden pro Woche einer körperlichen Aktivität nach, anstatt der empfohlenen sieben Stunden!»

Ein komplizierter Alltag

Bei Kindern zieht Übergewicht Probleme auf den unterschiedlichsten Ebenen nach sich. Oft ist der allgemeine Gesundheitszustand beeinträchtigt, und zwar mit dem häufigen Auftreten von Bluthochruck, Cholesterinämie (erhöhte Konzentration von Cholesterin im Blutserum) und Diabetes Typ 2, d. h. nicht-insulinabhängige Diabetes, bei welcher die Hyperglykämie Folge der Unfähigkeit des Körpers ist das Insulin korrekt zu nutzen. «Heute werden häufig Vorläufer der Diabetes Typ 2 bei Jugendlichen ab 15 Jahren beobachtet, während dieses Krankheitsbild früher selten vor dem Alter von 50 auftrat», betont Patrick Leconte. Weitere Probleme: Das Kind leidet an Gelenkschmerzen, wiederkehrenden Infektionen, Schlafstörungen einschliesslich Schlafapnoe und kann Erkrankungen des Verdauungstraktes entwickeln. Ebenso beängstigend sind die Auswirkungen auf psychologischer Ebene: «Mit 10 bis 20 Kg zu viel, ist das Kind im Vergleich zu den anderen Kindern in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt», erklärt unser Experte. «Trotz der Anpassung, hat es das Gefühl, einen Teil von sich verstecken zu müssen. Sind die Eltern nicht wachsam, kann sich das Kind isolieren, vor den Blicken anderer verstecken und psychosoziale Probleme, wie geringes Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitsgefühle, entwickeln.»

Das familiäre Umfeld: eine wichtige Säule

«Je früher das Risiko einer Fettleibigkeit entdeckt wird, desto früher kann ein Kind gerettet werden», sagt der Ernährungswissenschaftler. «Dieses Risiko kann als erstes in der familiären Zelle erkannt werden.» Daher ist die Information und Ausbildung der Eltern unverzichtbar. Der Kern der Familie wird als fundamental für die Entwicklung eines Kindes angesehen, hier werden seine Verhaltensweisen geprägt und sein Wohlbefinden beeinflusst. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört auch die Wahl der «Nahrungsmittel mit einem niedrigen glykämischen Index, die eine schnelle Verdauung und geringe Zufuhr an Zucker, Fett und Salz erlauben». Was den Rhythmus der Nahrungsaufnahme betrifft, gilt es nach dem Experten in Chrono-Ernährung «ein reichhaltiges Frühstück mit gesalzten Lebensmitteln (Wurstwaren, Käse, Vollkorngetreideprodukte) zu sich zu nehmen, keine Mahlzeit um 10.00 Uhr – denn sie unterbricht die Verdauung des Frühstücks – mittags ein Gericht ohne Dessert, nachmittags z. B. eine Frucht oder ölhaltige Samen wie Nüsse und Kerne und abends ein leichtes Essen». Weitere wichtige Präventivmassnahmen: Lassen Sie Ihr Kind an ausserschulischen sportlichen Aktivitäten teilnehmen und stellen Sie Regeln auf, um die Zeit vor dem Bildschirm zu reduzieren.
Ist ein Kind bereits übergewichtig oder fettleibig und ist die Familienstruktur in der Lage das Problem zu überwinden, «ist es wichtig, dem Kind oder Jugendlichen über den Dialog und die Verbannung formeller Verbote wieder Selbstvertrauen zu geben», sagt der Spezialist. «Es gilt ihm eine positive Sicht des erlaubten Essens oder der erlaubten Aktivitäten und deren Zeiten zu vermitteln: ein heutiges Verbot wird beispielsweise mit einer Erlaubnis in zwei Tagen kompensiert». Der langfristige Erfolg bei der Behandlung von Fettleibigkeit hängt von der Dauerhaftigkeit des veränderten Verhaltens sowohl des Kindes oder Jugendlichen als auch seiner Eltern ab.

Eine Herausforderung für das Gesundheitswesen

Vergleicht man die Zahlen der letzten Jahre, kann festgestellt werden, dass die Anzahl übergewichtiger oder fettleibiger Kinder in der Schweiz leicht abgenommen hat. Wenn 2010 noch jedes fünfte Kind betroffen war, ist es heute nur noch jedes sechste. «In der Schweiz ist Fettleibigkeit als Krankheit anerkannt worden und seit 2010 werden die Kosten für eine bessere Betreuung der Kinder übernommen», erinnert Patrick Leconte. Um diese Anstrengungen weiter voranzutreiben, «muss der Zugang zu körperlicher Betätigung erleichtert, die Vorzeichen der Erkrankung diagnostiziert und ernährungstechnisch wertvolle Nahrungsmittel den industriell produzierten, die noch immer viel zu süss und/oder salzig sind, vorgezogen werden». Diese Anstrengungen sollten weiterverfolgt werden, sowohl auf familiärer Ebene als auch auf gesellschaftlicher, um die Fettleibigkeit bei Kindern zu bekämpfen.

Copyright: AllTheContent / Patrick Leconte

Mit Patrick Leconte, Ernährungswissenschaftler und Experte in Chrono-Ernährung, in Lausanne und Genf.
Er ist ebenfalls Ausbilder in Ernährung an der Ecole Michelle Paschtu in Genf und Dozent bei der Association des praticiens en thérapies naturelles (APTN). Er arbeitet ferner mit der Clinique Entourage in Lausanne zusammen. Seine Forschungen betreibt er derzeit im Bereich der Chrono-Ernährung bzw. Chrononutrition® und des Fastens.

SLI/JPAS/AllTheContent

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